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unterſtützen. Nur bei völligem Saftſtillſtande darf beſchnitten werden, weil ſonſt der in Thätigkeit ſich befindende Saft beſtändig ausfließt und keine Vernarbung der Wunde zuläßt. Durch dieſen Saftausfluß wird nicht nur der Baum geſchwächt, ſondern es bilden ſich auch unheilbare Krankheiten. Da jedoch jede Wunde den Baum empfindlich für nachtheilige Einwirkungen macht; ſo iſt es nicht rathſam, im Herbſte oder während des Winters zu be⸗ ſchneiden, weßwegen nur das Beſchneiden im Frühjahr Empfehlung verdient. Auch kann bald nach Johanni, wo ein Saftſtillſtand eintritt, beſchnitten werden. Jeder Schnitt muß dicht am Stamme oder nahe über einem Auge, auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite beginnend, mit einem ſcharfen Meſſer geführt, und wenn das Austreiben des oberſten Auges von beſonderer Wichtigkeit oder die Wunde bedeutend iſt, mit Baumpflaſter verwahrt werden.
Ehe wir von den beſondern Regeln für eine jede Formbildung ſprechen, müſſen hier einige Grundſätze angeführt werden, welche theils beim Schnitt in der Baumſchule, theils beim Schnitt auf dem Standorte— dem Orte, an wel⸗ chen der Baum verpflanzt wird— Berückſichtigung finden.
1. Kein Baum läßt ſich mit Vortheil in eine Form zwingen, die ſeinem natürlichen Wuchſe nicht angemeſſen iſt. Wir können bei unſerm Schnitt die Natur unterſtützen, dürfen ihr aber nie entgegenarbeiten wollen. 3
2. Die kräftige Geſandheit eines Baumes hängt von der gleichmäßigen Vertheilung ſeiner Säfte in allen ſeinen Theilen ab.
3. Der Saft ſucht immer am meiſten in ſenkrechter Richtung zu wirken, daher werden die gerade in die Höhe gehenden Aeſte in der Regel am ſtärkſten.
4. Aus den kurz geſchnittenen Zweigen entwickeln ſich gewöhnlich kräftigere Triebe, als aus lang geſchnittenen.
5. An dem Ende der Zweige iſt der Safttrieb am wirkſamſten; deßhalb werden die oberſten Triebe eines Zweiges in der Regel ſtärker, als die tiefer ſitzenden.
6. Wird ein Aſt abaenommen, ſo fließt der für ihn beſtimmte Saft den Nachbaräſten zu.
7. Bei ſchnellem Wuchſe iſt kein Fruchtanſatz möglich, dagegen wird dieſer durch Hemmung des Saftes befördert.
8. Je mehr Frucht ein Baum trägt, deſto mehr wird er geſchwächt, und je mehr Holz er treibt, deſto mehr erſtarkt er.


