Aufsatz 
Leitfaden über die Erziehung und Behandlung der Obstbäume
Entstehung
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mit der Baumſäge oder dem Gartenmeſſer quer abgenommen und dieſer Schnitt recht glatt gemacht. Hierauf ſpaltet man den Stamm durch das Herz, ſchiebt von oben, nie von der Seite, um die Rinde des Cdelreiſes nicht abzulöſen, den Keil desſelben, indem man den Spalt mit dem Gartenmeſſer oder einem beſondern Pfropfkeil aufhält, ſo ein, daß Baſt an Baſt genau ſchließt, bedeckt die Wunde mit Baumwachs*) und verbindet ſie mit Baſt. Iſt das Reis ſehr dick, ſo macht man am obern Ende des Keils durch zwei Querſchnitte einen Abſatz, damit der Spalt nicht zu weit aufſteht. Dieſe Querſchnitte müſſen aber auf den Wildling feſt aufgeſetzt werden. Bei ſtarken Stämmen ſetzt man wohl auch zwei Reiſer auf die entgegengeſetzte Seite des Spalts. Auch hierbei dürfen an dem Wildling weder Zweige noch Augen bleiben.

Durch dieſe Veredlungsart wird unſtreitig der Stamm am meiſten verwun⸗ det und es entſtehen am leichteſten kranke Stellen, wenn die Bedeckung der Wunde nicht ſorgfältig vorgenommen und im Nothfalle erneuert wird; allein durch Sto⸗ ßen und Drücken oder Vögel, die ſich darauf ſetzen, wird das Reis nicht ſo leicht abgebrochen, wie beim Kopuliren.

Beim Pfropfen in die Rinde ſchneidet man das Cdelreis, das ebenfalls auf 3 4 Augen verkürzt wird, zahnſtocherförmig nur auf einer Seite zu, nachdem man am obern Ende des Stochers einen Querſchnitt bis auf das Herz geführt hat. Der Wildling, welcher dicker als beim Pfropfen in den Spalt ſein darf, wird ebenſo, wie bei dieſem, quer abgeſchnitten, aber nicht geſpaltet. Zwiſchen

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*) Alle Pflaſter, welche zur Bedeckung einer Wunde gebraucht werden, ſollen nur dazu die⸗ nen, äußere nachtheilige Wirkungen abzuhalten. Kraft zur Heilung der Wunde beſitzt der Baum felbſt, da die Natur an dem Orte, wo eine Verwundung oder Krankheit entſteht, ihre meiſten Kräfte wirken läßt. Es iſt daher Alles als Pflaſter zu gebrauchen, wodurch man obigen Zweck erreicht, ohne nachtheilig auf die Wunde zu wirken, z. B. Letten, Lehm mit Kuhfladen, überhaupt Thon ꝛc. Sollte man aber ſolche Stoffe dazu wählen, welche durch Regen oder Wärme leicht erweichen, ſo müſſen fie eine Unterlage erhalten, etwa ein Stück Rinde, wodurch das Eindringen des weich gewordenen Pflaſters in die Zwi⸗ ſchenraͤume verhindert wird.