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Die Edelreiſer, mit Ausnahme der zum Okuliren beſtimmten, welche man zur Zeit des Gebrauchs abnimmt, werden vor Eintritt des Saftes, alſo im Februar und Anfang März, geſchnitten, und zwar die frühtreibenden zuerſt, und an einem ſchattigen Orte mit dem untern Ende in die Erde oder im Keller in feuchten Sand geſteckt. Der Behauptung, daß es beſſer ſei, die Edelreiſer ſchon im Herbſte zu ſchneiden, kann ich nach meiner Erſahrung nicht beipflichten. Die unterſten und oberſten Augen ſtarker Reiſer ſind, zum Veredeln unbrauchbar, wegzuſchneiden, weil die erſtern gewöhnlich ſchwach und die letztern oft nicht völlig reif geworden ſind.
Bei allen Veredlungsarten iſt der Edelzweig zuerſt zu zu⸗ richten, ehe der Wildling zurecht geſchnitten wird.
Unter den möglichen Veredlungsarten ſollen hier nur die einfachſten, als unſerm Zwecke entſprechend, beſchrieben werden; dieſe ſind: das Kopuliren, das Pfropfen und das Okuliren.
a. Das Kopuliren(Anplatten).
Die gewöhnliche Zeit des Kopulirens iſt der März, ehe Saftbewegung Statt findet; doch kann es bei gelinder Witterung den ganzen Winter über vor⸗ genommen werden. Man wähle bei dieſer Veredlungsart einen Wildling von gleicher Dicke mit dem Edelreis, ſchneide, auf der entgegengeſetzten Seite eines Auges anfangend, jenes von oben nach unten mit einem ſcharfen Feder⸗ oder Ko⸗ pulirmeſſer in einem geraden Schnitte völlig glatt ſo ab, daß der Schnitt etwa die Länge eines Zolles beträgt. Hierauf verkürze man das Reis bis auf 3— 4 Augen nahe über dem oberſten Auge und verwahre dieſen Schnitt mit Baum⸗ wachs, damit letzteres nicht austrockne. Nun wird der Wildling an einer Stelle, wo er mit dem untern Ende des Cdelreiſes gleiche Dicke hat, durch einen gleichen Längenſchnitt von unten nach oben zugeſchnitten und das Edelreis genau darauf gepaßt, überall Baſt an Baſt ſchließend; denn der Baſt iſt es hauptſächlich, durch welchen das Anwachſen bewirkt wird. Endlich iſt die Veredlungsſtelle mit einem ſchmalen, mit Baumwachs beſtrichenen Streifen Leinwand oder mit Schnur der
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