Aufsatz 
Leitfaden über die Erziehung und Behandlung der Obstbäume
Entstehung
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erſchlaffen, und bei geſchützter oder dumpfer Lage die Ausdünſtungsgefäße mehr oder weniger verſtopft, unter allen dieſen Umſtänden alſo nur ſchwächliche oder kranke Bäume erzeugt werden.

Auch durch die Fortpflanzungsweiſe kann der Grund zu einer kürzern oder längern Lebensdauer oder zu mancher Krankheit gelegt werden. Bekanntlich i*ſt eine dreifache Fortpflanzung möglich: durch Wurzelausläufer, durch Ab⸗ leger oder Senker und durch Samen*). Unter dieſen verdient aber nur die durch Samen empfohlen zu werden, da Wurzelausläufer wieder zu neuen Wurzeltrieben geneigt ſind und Ableger die Krankheiten des Mutterſtocks forterben; indeſſen moͤgen gewiſſe Umſtände auch die Fortpflanzung durch Ableger als zweck⸗ mäßig erſcheinen laſſen.

Den Samen hat man wieder ſorgfältig auszuwählen; denn nur der von völlig reifen Früchten geſunder Bäume ſtammende kann kräftige Pflanzen erzeugen. Um die ungünſtigen Einwirkungen des Klimas, namentlich der Kälte, möglichſt zu verhindern, nehme man nur den Samen von minder edeln Bäumen, deren Ge⸗ fäße kleiner und von dickern Wänden eingeſchloſſen ſind und ſomit ein weit feſteres Holz haben. Dahin gehören die Holzäpfel, Holzbirnen, Hafer⸗ oder Waſſerpflau⸗ men und die kleine ſchwarze und rothe Kirſche**).

Ferner berückſichtige man bei der Auswahl des Samens, ob der Baum zum Hoch⸗ oder Zwergſtamme beſtimmt iſt, indem letzterer nicht zu üppig in's Holz wachſen darf. Zur Unterlage der Zwergſtämme eignet ſich beſonders der Same

*) Anweiſung zur zweckmäßigen Behandlung des Obſt⸗ und Gemüſegartens von J. C. F. Müller. Frankfurt a. M.

**½) Chriſt empſiehlt S. 21 ſeines vortrefflichenHandbuchs über die Obſtbaumzucht und Obſtlehre den Samen edler Sorten zur Ausſaat. Für mildere Gegenden mag dieſer auch den Vorzug verdienen, da die daraus erzogenen Bäume einen kräftigern Wuchs zei⸗ gen und deßhalb ſchneller emporwachſen; aber für den groͤßten Theil unſers Herzogthums, welcher mehr ein rauhes Klima hat, würden ſolche doch, wegen der Zartheit ihres Baues, zu oft den nachtheiligen Einwirkungen eines ſtrengen Winters unterliegen, weßwegen ich im Allgemeinen auch nur den Samen oben bezeichneter Bäume empfehlen kann.