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derselben ist unterhalb der Narbe mit nach oben gerichteten Härchen besetzt. Die zu einer Röhre verwachsenen Staubbeutel streuen Blütenstaub schon vor der Entwicklung der Narbe aus, welcher an den Härchen des Stempels haften bleibt. Durch reiche Honigabsonderung, sowie grosse Augenfälligkeit der Blüten werden sie viel von Insekten besucht. Um den Honig zu erlangen, stecken dieselben den Rüssel in die Blütenröhre und reizen dabei die Staubge- fässe, welche sich zusammenziehen. Hierdurch wird der an dem Stempel und den Antheren hängende Pollen von den Härchen emporgeschleudert, wobei sowohl das Insekt als auch die Narbe der Blüte bestäubt wird.
Ueberblickt man die Pflanzen, bei welchen der Befruchtungsvorgang genau beobachtet worden ist, so ergibt sich als unzweifelhafte Thatsache, dass alle Pflanzen, deren Blüten durch Augenfälligkeit, Duſt, Honig, Obdach bietende Form sich auszeichnen, mehr oder weniger der Hülfe der Insekten bei der Befruchtung bedürfen und auch vorzugsweise durch dieselben be- fruchtet werden, und dass die erwähnten Einrichtungen nur der Insckten wegen da sind. Durch die Insekten wird nicht nur die Selbstbefruchtung gefördert, wie man früher allgemein an- nahm, sondern, was das wichtigste ist, Fremdbestäubung(Kreuzung) herbeigeführt.
Charles Darwin hat durch zahlreiche, 11 Jahre hindurch fortgesctzte Befruchtungs- versuche mit den verschiedenartigsten Pflanzen sich bestrebt, den wahren Werth beider Be- fruchtungsarten festzustellen, und in seinem Werke:„Wirkungen der Kreuzung und Selbst- befruchtung im Pflanzenrcich“ die Ergebnisse seiner Versuche niedergelegt. Die Zahl der aus Kreuzung sowohl als aus Selbstbefruchtung erzielten Pflanzenindividuen, die er vom Keime bis zur vollständigen Entwicklung beobachtete und durch sorgfältige Messungen mit einander verglich, beläuft sich auf mehr als 1000. Sie gehören 57 verschiedenen Pflanzenarten an, die sich in 52 Gattungen unter 33 Familien vertheilen. Die wichtigsten Resultate sind etwa folgende:
Werden Pflanzen derselben Art viele Generationen hindurch unter möglichst gleichen Lebensbedingungen gehalten und von Generation zu Generation immer nur durch Selbstbe- fruchtung oder durch Kreuzung unter sich fortgepflanzt, so gewährt dann eine Kreuzung zwischen denselben wenig oder gar keinen Vortheil mehr, während cine darauf folgende Kreuzung. mit einem frischen Stock die Kräftigkeit, Fruchtbarkeit und Widerstandsfähigkeit der Nach- kommen bedeutend steigert. Der Vortheil der Kreuzung kann also niemals darin liegen, dass die geschlechtlichen Elemente getrennter Individuen sich vereinigen; er kann vielmehr nur durch eine innere Verschiedenheit der sich kreuzenden Individuen bedingt sein. Eine Kreuzung zwischen Blüten desselben Stockes oder zwischen Blüten zwar auf getrennten Wurzeln wachsender, aber demselben Stocke als Sprösslinge entstammenden Pflanzen wirkt wenig oder gar nicht günstiger, als Selbstbefruchtung. Es scheint innerhalb gewisser Grenzen eine Gewöhnung der Pflanzen an beide Befruchtungsarten zu bestehen. Diejenigen Versuchspflanzen, welche in freier Natur viele Generationen hindurch der Kreuzung mit fremden Stöcken ausgesetzt waren, wurden durch Selbstbefruchtung in Bezug auf Kräftigkeit und Pruchtbarkeit der Nachkommen geschädigt. Bei den Pflanzen, welche eine längere Reihe von Generationen hindurch durch Selbstbefruchtung fortgepflanzt wurden, zeigte sich die Kreuzung mit frischen Stöcken als sehr vortheilhaft.
Wie wir erschen haben, befördern die Insekten ausser der Selbstbefruchtung besonders Kreuzung und sind daher für die Pflanzenwelt von grosser Bedeutung, da durch ihre Mit- wirkung die Pflanzennachkommen den Wettstreit um die Daseinsbedingungen besser bestehen. Doch sind die Insekten der verschiedenen Ordnungen an dem Besuche und der Befruchtungs- vermittlung der Blumen in sehr verschiedenem Grade betheiligt. Von dem geringsten Einfluss


