Aufsatz 
Einfluß der Insekten auf die Befruchtung der Pflanzen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

gegenüber ist die Blütenscheide verengt. Da die Narben früher reifen als die Antheren, so kann Selbstbefruchtung nicht stattfinden, obgleich die Lage der Befruchtungswerkzeuge dazu sehr günstig wäre. Bis die Antheren aber reifen, sind die Narben schon keiner Befruchtung mehr zugänglich. Durch die augenfällige Blütenhülle werden kleine Insekten angelockt, welche hineinkriechen, um Nahrung und Obdach zu finden. Der Eingang ist denselben recht bequem, allein der Ausweg ist ihnen durch die Haarfranzen in der engen Röhre versperrt, und so sind sie gleichsam eingekerkert. Nach der Zeit der Narbenreife sondert jede Narbe etwas Honig ab, welcher den kleinen Gefangenen zur Nahrung dient. Nach und nach reifen auch die Antheren und entleeren ihren Staub, wodurch die eingeschlossenen Insekten über und über be- stäubt werden. Jetzt schrumpfen die Iaarfranzen ein und öffnen den Gefangenen den Aus- weg, welche, mit Pollen beladen, hinauseilen, aber bald wieder in einer andern Arumblüte ein- kehren, wo sie, wie vorher, eingekerkert werden. Bei dem Umherkriechen in ihrem Gefäng- nisse bringen sie den mitgebrachten Pollen auf die reifen Narben, wodurch diese befruchtet werden. Man findet oft sehr viele kleine Insekten in einer Arumsblüte eingeschlossen, besonders eine kleine Schmetterlingsmücke(Psychoda). Aehnlich ist der Vorgang der Befruchtung bei Aristolochia.

Viel zahlreicher sind die proterandrischen Pflanzen, d h solche, bei welchen die Staub- gefässe vor den Stempeln zur Reife gelangen, denn zu diesen gehören wohl der grösste Theil der Zwitterblüten. Eine proterandrische Pflanze ist z. B. Thymus serpillum. Bei derselben sind die 4 Staubgefässe kurz nach dem Oeffnen der Blüte reif und überragen den noch unent- wickelten Stempel. Letzterer verlängert sich nach und nach, öffnet seine Narbe und ist jetzt erst befruchtungsfähig, während die Staubgefässe schon abgestorben sind. Wir sehen also, dass Selbstbestäubung durch diese Einrichtung unmöglich ist. Ein Insekt, das sich auf die Blüte niederlässt, muss sich in dem ersten, männlichen, Stadium mit dem Pollen der reifen Antheren bestäuben. Sobald es sich dann auf einer älteren, im zweiten, weiblichen, Stadium befindlichen Blüte niedersetzt, wird es unfehlbar den Pollen an der vorstehenden Narbe abstreifen. Da diese Pflanze, wie die meisten Labiateen, sehr viel Honig im untersten Theile der Röhre ab- sondert, so werden dieselben sehr eifrig von Insekten besucht, und ist ihnen daher Fremdbe- stäubung gesichert. Aehnlich geschieht die Befruchtung bei den Caryophyllaceen. Bei Dianthus deltoides z. B. sind die Staubgefässe mit den Kronblättern an der Basis vereinigt und bilden eine fleischige Anschwellung, welche Honig absondert. Die Kronblätter erweitern sich oben zu einer für den Anflug der Insekten sehr geeigneten Scheibe und bilden nach unten eine enge Röhre, welche fast ganz von den zchn Staubgefässen und dem Stempel ausgefüllt ist. Sobald die Blüte sich öffnet, treten 5 Staubgefässe aus der Röhre hervor und öffnen ihre Antheren. Nachdem sie ihren Pollen ausgestreut haben, treten die 5 übrigen hervor. Der Stempel, der bis dahin unentwickelt in der Röhre verborgen war, ist jetzt ebenfalls aus der Röhre getreten und breitet seine beiden langen Narben aus. Unter diesen Umständen können Honig suchende Insekten nicht umhin, den Pollen von jüngeren Blüten auf die Narben älterer zu übertragen. Bleibt Insektenbesuch aus, so kann Selbstbefruchtung durch den noch vorhandenen Pollen der zuletzt gereiften 5 Staubgefässe stattfinden. Proterandrische Pflanzen, welche meistens durch Vermittlung der Insekten befruchtet werden, sind: Labiateen, Umbelliferen, Compositen, Lobe- liaceen, Campanulaceen, Caryophyllaceen, Geraniaceen, Ranunculaceen, Malvaceen, Polemonium, Epilobium angustifolium u. s. w. Von den 3 letztgenannten wurde die verschiedenzeitige Ent- wicklung der Staubgefässe und Stempel schon 1761 von Joseph Gottlieb Koelreuter