Aufsatz 
Einfluß der Insekten auf die Befruchtung der Pflanzen
Entstehung
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in seinem Innern die Samenanlage. Der mittlere, stielartige Theil heisst Griffel. Gewöhnlich an der Spitze des Fruchtblattes sitzt das zur Aufnahme des befruchtenden Blütenstaubes be- stimmte Organ, die Narbe. Eine wesentliche Bedingung für das Zustandekommen der Be- fruchtung ist, dass der Blütenstaub der Antheren auf die Narbe gelange.

Auf den ersten Blick ist man leicht geneigt anzunehmen, dass der Blütenstaub aus den Antheren auf die Narbe des Stempels fallen, also Selbstbestäubung eintreten müsse. Das geschieht auch bei vielen Pflanzen, und diejenigen, welche sich selbst befruchten, haben den Vortheil, dass sie nicht leicht aus Mangel an Pollen unfruchtbar bleiben. Bei den diklinischen Pflanzen dagegen, bei welchen Staub- und Pruchtblätter getrennt in verschiedenen Pflanzen stehen, ist dies nicht der Fall, sondern sie bedürfen gewisser Transportmittel, durch welche der Blütenstaub zu der Narbe der Stem pel übergeführt wird,(Fremdbestäubung). Solche Trans- portmittel sind Wasser, Wind und Insekten..

Doch nicht allein bei den Pflanzen der Linné'schen Klassen Monoecia, Dioecia und Polx- gamig, sondern bei den meisten Phanerogamen findet Fremdbestäubung statt, und die ganze Organisation der Blüte pflegt dann diesem Zwecke entsprechend eingerichtet zu sein.

Die windblütigen Pflanzen haben selten in die Augen fallende Blüten, z B. die Gräser, Nadelhölzer. Sie müssen eine bedeutende Menge Blütenstaubes erzeugen, welcher aus losen, glatten, leicht zerstreubaren Körnchen besteht. Damit die Blätter den Zutritt des Pollens zur weiblichen Blüte nicht hindern, so fällt die Blütezeit der anemophilen oder windblütigen Pflanzen in der Regel in den Anfang des Frühlings, also wann die Blätter noch nicht entwickelt sind. Die Narben sind gewöhnlich mehr oder weniger verzweigt oder behaart, was zum Auffangen des Pollens sehr geeignet ist.

Meist fällt die Ausführung des wichtigen Befruchtungsgeschäftes den Insekten zu, und gewisse Organe haben sich bei ihnen diesem Zwecke ganz angepasst, z. B. die Mundtheile und Pollensammelapparate der Bienen. Die vornehmlichste Ursache des Insektenbesuches auf Blumen ist der Honig und Saft, welcher von verschiedenen Theilen der Blüte abgesondert wird, sowie der Blütenstaub. Weitere Lockmittel für die Insekten sind bunte Farben, Geruch, Obdach gewährende Form der Blumenkrone. Sir John Lubbock machte Versuche, um zu prüfen, ob die Bienen Farbensinn besitzen, und fand, dass sie die Farben unterscheiden und sich von ihnen leiten lassen. Er brachte mehrere mit Honig bedeckte Glasscheiben auf ver- s chiedenfarbige Papierstreifen, gewöhnte eine Anzahl Bienen an den Besuch des Honigs auf einer gewissen Farbe und bemerkte, dass dieselben, sobald sie nur einigemal Honig von einer bestimmten Farbe genossen hatten, immer zu dieser Farbe zurückkehrten, auch wenn die Pa- piere auf einen andern Platz gelegt wurden.

Christian Konrad Sprengel, Rektor zu Spandau, beobachtete im Jahre 1787, dass der untere Theil der Blüte des Waldstorchschnabels(Geranium silvaticum) mit kleinen Härchen bedeckt ist, welche Honigtröpfchen bergen, zu welchen die Insekten leicht gelangen können, und welche durch diese Härchen vor dem Verderben durch den Regen geschützt sind. Er zog daraus den Schluss, dass der Saft der Blumen um der Insekten willen abgesondert werde und, damit sie ihn rein und unverdorben geniessen können, gegen Regen geschützt sei.

Im Sommer 1788, bei Betrachtung des gelben Ringes um die Oeffnung der Kronröhre des Sumpfvergissmeinnichts(Myosotis palustris), kam ihm die Vermuthung, dass derselbe dienen könne, den Insekten den Weg nach den Honigbehältern zu zeigen. Weitere Beobachtungen