Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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46 Wider die Eck'ſchen Bullen und Lügen heißt es:Du, Papſt, Doctores, Concilia, Menſchen, Engel und Teufel, müſſet und ſollet im die Schrift.... Ich will keinen andern Meiſter haben, denn nur Einen, der heißt Chriſtus. Ich erhebe mich ſelbſt nicht über die Doctores und Concilia, ich erhebe Chriſtum über alle Lehrer und Concilia.

So zeigt ſich uns Luther auf dem Höhepunkte ſeiner evangeliſchen Erkenntnis und ſeines Wider⸗ ſpruchs gegen Rom. Alles, was die weitere äußere Lebensgeſtaltung des großen Mannes anlangt, iſt eben nur ein notwendiges und folgerichtiges Ergebnis der zu ihrer unerſchütterlichen Feſtigkeit herangewachſenen religiöſen Überzeugung des Reformators. Sein innerer Kampf, ſein unausgeſetztes Studium in der Schrift, ſowie die aus dieſer Lebensquelle geſchöpfte Überzeugung, daß die Lehre des Gotteswortes und die römiſchen Dekrete des Paptes unvereinbar ſeien, haben ihn zum Reformator der Kirche gemacht. Unbewußt war er ſchon längſt vor der Scheidung von der mittelalterlichen Kirche im Zwieſpalt mit Rom; der Ausgang des Leipziger Streites ließ dieſen Zwieſpalt auch äußerlich ſich kundgeben. Weil Luther nicht zurückbebte, dem Papſttum gegenüber auch die letzten Conſequenzen ſeines religiöſen Denkens und ſeiner heißerrungenen feſten evangeliſchen Ueberzeugung zu ziehen, weil er eine Reformation nur für denkbar hielt, wenn vor allem die Lehre gereinigt würde, und weil er die Schrift zu dem Feldzeichen ſeines unausgeſetzten Kampfes mit den der evangeliſchen Wahrheit feindlich geſinnten Mächten erhob, deshalb mußte ſein Werk auch fort⸗ gehen und Beſtand haben.

Was war indeſſen das Schickſal von Savonarola's Werk?

Wir haben ihn bis zum Höhepunkt ſeines Wirkens begleitet und geſehen, wie er im Verlaufe ſeines Kampfes mit Rom immer tiefer in die Schrift eindrang, immer klarer die grenzenloſe Verderbtheit der Kirche erkannte, immer kühner und rückſichtsloſer ſeine Pfeile gegen die unwürdigen Hüter des Gottes⸗ tempels ausſendete. Aber die letzten Conſequenzen ſeines religiöſen Denkens zu ziehen, der Unfehlbarkeit von Papſt und Tradition die heilige Schrift als allein giltige und höchſte Richtſchnur in Sachen des Glaubens gegenüberzuſtellen, unter Verzicht auf jede menſchliche Autorität in Sachen der Religion nur dem in Gottes Wort gebundenen Gewiſſen die höchſte und letzte Entſcheidung zuzuſchreiben, alſo von einer Kirche der äußeren Satzung, gegen die er doch mit den ſchärfſten Waffen kämpfte, ſich loszuſagen und eine in Lehre und Cultus gereinigte Kirche, in der der Geiſt evangeliſcher Freiheit weht, zu gründen, das vermochte er nicht. Gerade der Umſtand, daß er auf halbem Wege ſtehen blieb, trug dazu bei, daß ſein Wirken nicht von dem gewünſchten und erhofften Erfolge begleitet war, daß ſein Werk unterging. Dazu kommt aber noch weiter, daß das Volk, zu dem Savonarola redete, nicht in dem Maße wie das Volk, dem Luther die Schrift wieder öffnete, von der Macht der religiöſen Idee ergriffen war. Die Begeiſterung der Florentiner für Savonarola war die eines leicht erregbaren, aber einer religiöſen Vertiefung nicht fähigen Volkes, an deſſen Herzen das geoffenbarte Gotteswort ſeine wiedergebärende Kraft nicht äußern konnte, weil ihm eben die Schrift in ihrer ganzen Herrlichkeit nicht erſchloſſen war. Dasſelbe Volk, das dem Bußprediger von St. Marco, dem Verteidiger ſeiner Freiheit, einſt entgegengejubelt, verließ ihn in der Stunde der Not, wo ſich ſeine Liebe zu dem kühnen Reformator, ſowie ſeine Begeiſterung für deſſen Wirken im glänzendſten Lichte hätte zeigen können. Während Luther trotz des päpſtlichen Bannes, der ihn als einenvon dem Baum der Kirche abgeſägten faulen Aſt bezeichnete, gehoben und getragen von einem für ſeine Sache begeiſterten Volke, der geiſtige Führer und Leiter desjenigen Teiles der Nation wurde, der in ſeinem Wirken eine echt chriſtliche und patriotiſche That erkannte, während er zugleich im felſenfeſten Vertrauen auf Gottes Wort und in dem Bewußtſein die Sache Chriſti zu verfechten, unerſchütterlich und unbekümmert um Gunſt von oben und von unten, auf der ihm von ſeinem Gewiſſen vorgezeichneten Bahn fortſchritt, ſtarb Savonarola, verdammt von dem Papſte, verurteilt von dem Gerichtshofe in Florenz, verwünſcht von ſeinem Volke, dem er die politiſche Freiheit zurückgegeben, für ſeine heilige Sache, die