Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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freilich ſchon von vornherein den Keim des Untergangs in ſich trug, weil er das Religiöſe mit dem Poli⸗ tiſchen unſeligerweiſe vermiſchte.

Aber iſt auch er untergegangen, die Saat, die er ausgeſtreut, konnte dennoch nicht völlig zernichtet werden; ihre Keime zeigten ſich, als das auch nach Italien gedrungene Wort Luthers hier Wurzel zu faſſen begann. Freilich iſt der Weiterverbreitung der lutheriſchen Lehre hier mit aller Gewalt entgegengetreten, und jede Reformbeſtrebung im Sinne des deutſchen Reformators grauſam unterdrückt worden. Aber es kam, wenn auch erſt nach Jahrhunderten, die Zeit der religiöſen Duldung, als deren Frucht die evange⸗ liſche Bewegung angeſehen werden muß, die gegenwärtig von Mailand bis Palermo die ganze Halbinſel durchzieht. Florenz, die Wirkens⸗ und Todesſtätte Savonarola's, iſt zum geiſtigen Mittelpunkt der ganzen evangeliſchen Bewegung geworden, deren Wachstum einen Beweis dafür liefert, daß die evangeliſche Wahrheit nicht durch äußere Gewalt zum Siege gelangt, ſondern nur durch die ihr innewohnende Gottes⸗ kraft die Herzen überwindet.

Inwieweit das Wirken Savonarola's dazu beigetragen, in dem italieniſchen Volke die Überzeugung von der Notwendigkeit der Reformation zu erhalten, wird wohl kaum zu entſcheiden ſein, zumal, wie ſchon öfters bemerkt, der Florentiner von der Lehre der römiſchen Kirche nicht abgewichen iſt, noch abzu⸗ weichen im Sinne hatte. Aber daß eine Reformation der Kirche ſein höchſtes Ziel geweſen, iſt ebenſowenig in Abrede zu ſtellen, wie die Lauterkeit ſeines Weſens und Wollens, die auch unter der Decke der ihm anhaftenden Schwächen hell hervorleuchtet. Gerade der Umſtand, daß er für eine Reformation der ver⸗ derbten Kirche gearbeitet und ſein Leben eingeſetzt hat, macht ihn zu einem gewaltigen Propheten derſelben und, man mag ſagen, was man will, zu einem Bahnbrecher Luthers, zu deſſen Füßen auf dem Denkmal zu Worms ihm deshalb ein Platz mit vollem Rechte angewieſen worden iſt.

Berichtigung. Auf Seite 5 iſt nach dem WorteZeitalters als Citat hinzuzufügen: Weber, Weltgeſchichte Bd. 9.