Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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Schriftgemäßheit ſeiner religiöſen Anſichten, überzeugen zu können; ja als er im Jahre 1518 Leo X. eine ſeine Theſen rechtfertigende Schrift ſendete(resolutiones disputationum), ſo dachte er an nichts weniger als daran, daß der Papſt für Tetzel, Eck und Pierias Partei ergreifen würde, weil er der Zuverſicht lebte, der Papſt würde keine Entſcheidung treffen, die mit dem Evangelium im Widerſpruch ſtände. Aber ſobald er erfahren, daß die Anſichten ſeiner Gegner auch an dem Papſte einen energiſchen Verteidiger fanden, daß der Papſt alſo ſich mit der von Tetzel verkündigten Ablaßlehre einverſtanden erklärte, da war ſein Glaube an die Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche erſchüttert.

Aber wenn er auch in dem Papſte einen irrtumsfähigen Menſchen erblickt, ſo glaubt er noch an die Unfehlbarkeit der Kirche. Er iſt noch weit davon entfernt, von der römiſchen Kirche ſich zu trennen, da er der Zuverſicht lebt, daß ſeine religiöſen Anſichten, weil aus der Schrift geſchöpft, von der Kirche gebilligt werden müßten, das ſie alſo mit der Lehre der wahren römiſchen Kirche im Einklang ſich befänden. Noch vor dem Verhör vor Cajetan zeigte er ſich zum Widerrufe geneigt, wenn er belehrt werden könnte, daß von ihm etwas der römiſchen Kirchenlehre Widerſprechendes geſagt worden ſei.) Dem Spruch der Kirche wolle er ſich unterwerfen, vorausgeſetzt,daß ſie nichts von ihm verlange, was gegen Schrift und Gewiſſen ſtreite.

Luther hoffte alſo noch die heilſame Löſung der religiöſen Frage von einem Concil, das ſich, die Infallibilität des Papſtes verwerfend, ſelbſt für unfehlbar erklärt und, wie bekannt war, den auf die Schrift ſich berufenden Huß dem Feuertode überliefert hatte. Aber Luther war der innere Widerſpruch, in dem er ſich mit der römiſchen Kirche vor ſeiner öffentlichen Losſagung von ihr bereits befand, einerſeits noch nicht völlig klar bewußt, andererſeits mochte er die Hoffnung noch nicht aufgeben, mit der Kirche ſich in einer friedlichen, das Heil der Chriſtenheit fördernden und ſein religiöſes Gewiſſen beruhigenden Weiſe aus⸗ einanderzuſetzen.

Zur völligen Klarheit über ſeine Stellung zur Kirche gelangte er während der Leipziger Dispu⸗ tation. Durch den Kanzler von Ingolſtadt in den Streit, den dieſer eigentlich mit Karlſtadt auszufechten hatte, hineingezogen, beſtritt Luther das Vorrecht des Apoſtels Petrus und die darauf gegründete Herr⸗ ſchaft des Papſttums und wies aus der Schrift die Gleichberechtigung aller Apoſtel nach. Als Luther unter Hinweis auf die griechiſche Kirche und deren hervorragendſte Vertreter im chriſtlichen Altertum den Satz aufſtellte:man kann den Papſt nicht anerkennen und iſt doch kein Ketzer, warf ihm Eck Vorliebe für Huſſitiſche Ketzerei vor und erinnerte, daß die Anſichten des Böhmen, wie die Wykliffe's von den Päpſten, wie von den vom Geiſte Gottes inſpirierten Concilien verdammt worden ſeien. Luther verlangte Wider⸗ legung aus der Schrift. Aber Eck begehrte eine unumwundene, unzweideutige Erklärung, um darnach den ihm ſchon längſt verdächtigen kirchlichen Standpunkt ſeines Gegners zu bemeſſen. Luther zögerte nicht lange, ſondern wagte auszuſprechen:Nicht alle Sätze von Huß ſind ketzeriſch; einige ſind grundchriſtlich, grund⸗ evangeliſch. Ja, er ging noch weiter, er leugnete auch die Unfehlbarkeit der Concilien. Es blieb ihm nur die Schrift und in ihr auch der Felſengrund, auf den geſtellt, er keine Macht der Erde fürchtete, ſondern den Namen eines Ketzers freudig auf ſich nahm und den Bannfluch des Papſtes, der ihn ver⸗ nichten ſollte, damit beantwortete, daß er ſich auch äußerlich von der Kirche losſagte und in Schrift und Wort ſeine gewonnene evangeliſche Heilserkenntnis vor Freund und Feind freimütig ausſprach.)

In. einem Brief an Friedrich den Weiſen ſagt er:Es habe Johannes Huß oder das Concil einen Verſtand, wie ſie wollen, die Artikel, wie ſie da liegen, ſind wahr. Das wollte Gott nimmermehr, daß ein frommer Chriſt einen Spruch der Schrift recht verſtünde und in ſich bildete, und ſollt' denſelben hiernach um etlichen irrigen Verſtandes Willen verwerfen, unangeſehen ſeinen rechten Verſtand. Darüber ſoll man Papſt und Concilien verleugnen zur Rettung dieſer heiligen Schrift. Und in der Schrift:

¹) Briefe Luthers, ed. de Wette. ²) Er that dies in der Schriftvon der Freiheit eines Chriſtenmenſchen, die er dem Papſte im Jahre 1520 einſendete.