Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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geſinnten Parteien in Florenz, die in Savonarola nicht minder den Demagogen, als den unerträglichen Sittenprediger haßten, erſchütterte die Stellung des Reformators dermaßen, daß der mit den Feinden des Priors insgeheim verbundene Papſt jetzt zu dem letzten Mittel griff, um den Ungehorſamen gärzlich ver⸗ ſtummen zu machen. In einem vierten Breve, das bald nach einem am Himmelfahrtstage 1497 in der Kirche St. Maria während Savonarola's Predigt ausgebrochenen Tumulte nach Florenz kam, ſprach Alexander über den Prior von St. Marco den Bann aus. Ungeachtet dieſer über ihn verhängten Kirchen⸗ ſtrafe und trotz des Haſſes ſeiner zahlreichen mächtigen Feinde, die ihn jeden Augenblick hätten in Verhaft nehmen und unſchädlich machen können, entſank dem Manne der Mut nicht. Ein ſcharfes Rechtfertigungs⸗ ſchreiben an den Papſt und Wiederaufnahme ſeiner Predigtthätigkeit das war die Antwort des kühnen Reformators. In dem Briefe ſowohl als in der Predigt finden wir unſeren Mönch auf dem Giöpfel ſeines Widerſtreites gegen Borgia. Die Epiſtelwider die erſchlichene Bannbulle handelt von der wichtigen Frage:ob man in allen Fällen dem Papſte Gehorſam ſchuldig ſei? Mit Berufung auf Ch. Gerſon, der den Ungehorſam gegen den Papſt für berechtigt hält,wenn derſelbe ſeine Macht ſchändlich und ärgerlich zum Zerſtören und nicht zum Aufbauen gebrauche, folgert er, daß man auch das Recht habe, einer ungerecht ausgeſprochenen Exkommunikation Widerſtand zu leiſten.Und der Chriſt begeht kein Unrecht, wenn er, um einer ungerechten Exkommunikation ſich zu entziehen, die Hilfe der weltlichen Macht in Anſpruch nimmt. Denn ein ſolcher ungerechter Urteilsſpruch iſt nichts als ein Akt der Gewalt, und das Naturrecht lehrt uns, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Man ſoll gegen den Papſt demüttig ſein, aber wenn die Demut nicht ausreicht, dann est accipienda animosa libaters.(Gerſon's Ausſpruch.))

Noch deutlicher ſpricht er ſich über die eben berührten Punkte in ſeiner Predigt vom Sonntage Septuageſimä 1498 ¹) aus. In dieſer Predigt bricht er mit der Infallibilität des Papſtes und beſtreitet demzufolge die Giltigkeit der über ihn verhängten Ausſchließung aus der Kirche. Die Exkommunikation ſei über ihn verhängt worden, um das gute Leben, das er in der Stadt begründet, zu zerſtören; dies aber zuzugeben, widerſpreche dem Geſetze der Liebe, er würde dafür von Chriſtus exkommunizirt werden.*) Über den Papſt ſagt er:Ich glaube, daß es keinen Menſchen gibt, der nicht irren könnte. Es iſt ein Unding, wenn du ſagſt, daß der Papſt unfehlbar ſei; ich glaube nicht, daß ein ſolcher exiſtirt hat, aber wenn es einen ſolchen gibt, der gegen die chriſtliche Liebe ſündigt, der iſt kein Werkzeug des Herrn, ſondern ein zerbrochenes Eiſen. ³)

Trotz dieſer freimütigen Äußerungen und Proteſte iſt er weit entfernt von einem Bruche mit dem römiſchen Dogma, ſo manchmal es auch ſcheinen will, als müſſe er, der in ſeiner Bekämpfung der päpſt⸗ lichen Unfehlbarkeit ſo weit gegangen, jetzt noch den letzten entſcheidenden Schritt der völligen Trennung von Rom thun. Wozu ſich der Papſt nicht veranlaßt fühlte, die damals die Herzen vieler Tauſende be⸗ wegende religiöſe Frage in Fluß zu bringen und eine Reform der Kirche zu bewerkſtelligen, das erwartete Savonarola von einem freien chriſtlichen Concil. Trotz der mislungenen Reformverſuche der großen Ver⸗ ſammlungen von Piſa, Koſtnitz und Baſel war die Idee ein Concil zu berufen nicht nur in Italien populär, ſondern ſie mußte auch in anderen Ländern, wo man die Schmach, welche der geſamten Kirche durch die Wahl Alexanders VI. angethan worden war, tauſendfachen Wiederhall finden.

Das Concil, in welchem Savonarola den letzten Rettungsanker für das bedrohte Schiff der Kirche erkannte, ſollte aber nicht nur die Mißbräuche innerhalb der Kirche abſtellen(wohlzumerken dachte Savo⸗ narola an keine Änderung in der Lehre!), ſondern vor allen Dingen das größte Ärgernis, nämlich den Papſt, der ſeine Wahl erſchlichen habe und durch ſein Leben allſeitig Anſtoß errege, entſetzen. An Aufmunterungen und Unterſtützungen bei ſeinen conciliaren Reformplänen ſcheint es unſerem Mönch keines⸗ wegs gefehlt zu haben; wenigſtens wird verſichert, daß an der Spitze der Gegner Borgia's der kriegeriſche

¹) Villari II. 192 ff.

²) Ranke.

³) Siehe Villari II. 153.

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