Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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geglaubt und glaube es noch jetzt, was die heilige Kirche glaubt, habe mich ihr allzeit unterworfen und thue dies noch heute. Ich habe nach Rom geſchrieben, daß, wenn ich etwas Ketzeriſches gelehrt oder ge⸗ predigt habe, ich bereit ſei, es offen zu widerrufen. Ich bekenne mich jederzeit zur römiſchen Kirche und behaupte, daß, wer ſich von ihr entfernt, verdammt ſein wird. Welches aber die römiſche Kirche ſei, darüber ſind die Meinungen ſehr geteilt, weshalb ich mich hierin an Chriſtus und die apoſtoliſche Kirche halte. ¹)

Er unterſcheidet alſo zwiſchen Kirche und Papſt. Die römiſche Kirche iſt ihm die eine, heilige und allgemeine, im alleinigen Beſitz der Heilsmittel und Gnadengaben, kann alſo nicht irren. Deshalb habe aber niemand die Verpflichtung, jedem beliebigen Befehle, der ihm von ſeinen Oberen erteilt werde, zu gehorchen.Der Papſt kann mir nichts befehlen, was gegen das Evangelium und die chriſtliche Liebe verſtößt. Ich glaube nicht, daß er dies jemals wird thun können, und thäte er es doch, ſo würde ich ihm ſagen: In dieſem Augenblick biſt du nicht Hirt, nicht römiſche Kirche, ſondern du irreſt. Wenn ein Befehl der Oberen dem Geſetze Gottes widerſpricht, ſo darf man nicht gehorchen; denn oportet Deo magis obedire quam hominibus. ²)

In der Schlußpredigt aus der Faſtenzeit des Jahres 1496, in welcher er von der Verweltlichung der Kirche ein ebenſo anſchauliches wie ergreifendes Bild entrollt, erkennt er die Autorität der römiſchen Kirche und insbeſondere des Papſtes unumwunden an; denn es ſtehe geſchrieben:du biſt Petrus und auf dieſen Felſen will ich meine Kirche bauen. Aber er ſagt auch wieder:Wir ſind nicht verpflichtet allen Geboten der Kirche zu gehorchen. Wenn dieſelben auf falſche Berichte hin erfolgen(er hat hier die gegen ihn ausgeſtreuten Verdächtigungen im Auge), ſo ſind ſie ungiltig; wenn ſie dem Geſetze der Liebe widerſprechen, ſo muß man ſich ihnen widerſetzen, ſowie ſich Paulus dem Petrus widerſetzte. Wir haben anzunehmen, daß dies nicht möglich iſt. Träte aber der Fall dennoch ein, ſo müßte man ſeinen Oberen ſagen: du irrſt, du biſt nicht römiſche Kirche, du biſt Menſch und Sünder. ²)

Klingen dieſe Worte nicht wie eine Berufung auf das Gewiſſen? Leuchtet aus ihnen nicht der heldenhafte Mut eines von der Wahrheit ſeiner religiöſen Überzeugung tief durchdrungenen Mannes hervor, eines Chriſten, der ſich bewußt geworden iſt, daß in Sachen des Glaubens nicht menſchliche Autorität zu entſcheiden habe? Mußte nicht auch ein Alexander VI. vor ſolchem Zeugenmute die Segel ſtreichen oder doch wenigſtens zu der Erkenntnis gelangen, daß er dieſer Macht evangeliſchen Bewußtſeins nichts Eben⸗ bürtiges entgegenzuſetzen und keinen Grund habe, den Mönch der Ketzerei zu beſchuldigen? Aber es waren ja nicht die religiöſen Grundſätze des Mönchs, die den Widerſpruch des Papſtes hätten erregen können; der Cardinalpunkt des ſich immer mehr zuſpitzenden Gegenſatzes zwiſchen beiden lag in der politiſchen Thätigkeit des Mönchs, die derjenigen des Papſtes, welchen nach der Vernichtung der Freiheit von Florenz gelüſtete, zuwiderlief.

Der Streit zwiſchen Mönch und Papſt, welch letzterer durch ein drittes Breve der Wirkſamkeit Savonarola's ein Ziel ſetzen wollte, zog ſich bis in das Jahr 1497 hinüber, ohne daß von Rom aus das letzte entſcheidende Wort gefallen wäre. Savonarola war ſich wohl darüber klar, daß der Papſt eine längere Weigerung ſeinen Befehlen nachzukommen, nicht dulden könne, fuhr aber in ſeinen Reformverſuchen unentwegt fort, ohne ſich durch den Zorn des Papſtes oder die im Wanken begriffene Gunſt der Be⸗ völkerung von Florenz beirren zu laſſen. Man weiß nicht, was man mehr bewundern ſoll: den Eifer in ſeinem reformatoriſchen Wirken, den ſtrengen Ernſt, den er den Libertinern von Florenz gegenüber an den Tag legt, oder den unerſchütterlichen Mut in ſeinem Zwiſt mit Borgia. Eine ähnliche Feſtigkeit im Be⸗ harren auf dem Rechte des chriſtlichen Gewiſſens hatte noch keiner der Italiener bewieſen, die vor Savo⸗ narola von der Notwendigkeit einer Reformation gezeugt. Allein die wachſende Feindſchaft der ariſtokratiſch

¹) cf. Predigten über Amos und Sacharja vom Jahr 1496, auch bei Villari II. 39. ²) cf. Villari II. 51.