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ſeines Anſehens angelangt war. Aufgereizt ſowohl von den vertriebenen Medici, die ſich damals in Rom aufhielten, als von den Florentiniſchen Adelsparteien, die über die Sittenreform des Bruders erbittert waren, vor allem aber durch deſſen berühmte Predigt„von der Erneuerung“, in welcher er, ohne den Papſt perſönlich anzugreifen, wider das Verderben Roms ſeine vernichtenden Gedankenblitze geſchleudert hatte, ließ ſich Borgia bereit finden, dem Mönch das Predigen zu unterſagen und ihn wegen ſeiner Wirk⸗ ſamkeit auf kirchlichem und weltlichem Gebiete zur Verantwortung nach Rom zu laden. In dem Vorladungs⸗ ſchreiben belobt der Papſt zunächſt des Bruders Eifer, womit er„im Weinberge des Herrn“ arbeite, wünſcht aber deſſen Anſichten über ſeine angeblich von Gott ihm zu teil gewordenen Weiſſagungen näher kennen zu lernen und verſpricht ihm die liebevollſte Aufnahme in Rom. ¹)
Savonarolas ablehnende Antwort wurde von Alexander VI., den teils die Machtſtellung des Frate innerhalb der Republik, teils die Rückſicht auf den mit Florenz verbündeten und einer Reform der Kirche wohlgeneigten König Karl VIII. von Frankreich von ernſtem Einſchreiten gegen den ungehorſamen Prior abhielt, angenommen.*) Aber in einem bald darauf erſcheinenden Breve, deſſen Inhalt offen⸗ bar von den Feinden Savonarola's beeinflußt war, ſpricht der Papſt in heftigerer Weiſe von einem„ge⸗ wiſſen Fra Girolamo, der in Florenz in Staat und Kirche die größten Verwirrungen angerichtet habe und durch ſeinen Ungehorſam gegen das vom päpſtlichen Stuhle ausgehende Gebot ſich als einen Verbreiter ketzeriſcher Lehren bekunde“. Savonarola hatte ſich inzwiſchen des Predigens enthalten, um den ihm ge⸗ machten Vorwurfe des Ungehorſams gegen den Papſt zu entkräften, zugleich aber auch um einige Schriften abzufaſſen, in welchen er ſeine Uebereinſtimmung mit der Kirchenlehre nachweiſen wollte. Letzteres geſchah in dem Büchlein von der„Einfachheit des chriſtlichen Lebens“, und in dem„Triumphus crucis“. Während er in der erſtgenannten Schrift die wichtigſten Dogmen der katholiſchen Kirche, namentlich die von der Notwendigkeit der Werke, in Kürze darlegt, bietet er in dem Triumph des Kreuzes eine großartige Ver⸗ teidigung der chriſtlichen Religion und der römiſchen Kirchenlehre im beſonderen. Die letztere Schrift, das reifſte Erzeugnis ſeines reichen Geiſtes, iſt, wie Villari ſagt, zugleich ein großartiger Verſuch, die Religion mit der Philoſophie, den Glauben mit dem Wiſſen zu verſöhnen. Er zeigt und weiſt mit ſeltener Geiſtes⸗ ſchärfe nach, daß die Religion für den Menſchen eine Notwendigkeit und die chriſtliche Religion die vor⸗ züglichſte unter allen ſei.*)
Doch ehe er dieſes Werk veröffentlicht hatte, kam das oben erwähnte 2. Breve des Papſtes, das ihn nicht nur als Verbreiter falſcher Lehren anklagte, ſondern ihm das Predigen vollſtändig unterſagte. Der Papſt, erbittert über den mächtigen Einfluß Savonarola's, der den von Borgia gewiß unterſtützten Verſuch Pietros von Medici, nach Florenz zurückzukehren, zu nichte gemacht hatte, wollte jetzt ſein hierarchiſches Anſehen in vollem Umfange geltend machen, ließ ſich indes abermals zur Nachgiebigkeit beſtimmen, nachdem er aus den ihm eingeſandten Predigten des Priors deſſen Übereinſtimmung mit der beſtehenden Kirchenlehre erſehen hatte. Ja, er ging ſogar ſo weit, daß er dem feurigen Dominikaner, um ihn zum Schweigen zu bringen, den Cardinalshut anbieten ließ. Der unbeſtechliche und uneigennützige Mönch lehnte, wie vorauszuſehen, das Anerbieten mit Entrüſtung ab, hielt ſich aber verpflichtet, ſeine Stellung zur römiſchen Lehre auch öffentlich, vor verſammelter Gemeinde, darzulegen. Er ſagte:„Ich habe immer
¹) Villari a. a. O.
²) Von ganz beſonderer Wichtigkeit iſt der an den Papſt gerichtete Brief, in welchem Savonarola ſeine Weigerung nach Rom zu kommen begründet. Er ſagt, es ſei zwar Gehorſam gegen die Oberen die vornehmſte Pflicht des Dieners, doch ſei auch ihm erlaubt, vollbegründete Einwendungen zu machen. Zum Beweiſe, daß dies erlaubt und in der Geſchichte ſchon früher vorgekommen ſei, beruft er ſich auf ein Schreiben Alexander III. an den Erzbiſchof von Ravenna, worin es heißt: Erwäge die Angelegenheiten, derentwegen wir Dir ſchreiben, wohl und erfülle entweder gehorſam unſern Befehl oder gib uns brieflich den Grund an, warum Du ihn nicht erfüllen kannſt. Denn wir werden uns denſelben wohl gefallen laſſen, vorausgeſetzt, daß es dabei nicht auf unſere Täuſchung abgeſehen iſt. Villari II.
³) Vgl. über dieſe Schrift Villari II. 181 ff., weiter auch Ranke und C. Meier.


