40
erklärt jeden für einen Ketzer, der davon abweichen will.¹) Die Reform, welche ihm vorſchwebt, und die er nicht nur für Florenz, ſondern für die ganze Kirche des Abendlandes, ja die ganze Welt herbeizuführen wünſcht, beſteht lediglich in der Erneuerung religiöſen Lebens„nach dem Muſter der apoſtoliſchen Zeit in Einfachheit, Reinheit, Armut und Liebe“. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Kirchenreform be⸗ tont er bis zu Ende ſeiner Wirkſamkeit aufs nachdrücklichſte, insbeſondere in den Predigten über den Text: Cantate Domino cantum novum und denen über Heſekiel.*)
Rettung aus der Not, in welche unwürdige Leiter die Kirche gebracht, findet er nur darin, daß in die veraltete, von eitlem Ceremonienweſen erfüllte Kirche eine„rechte Fülle des Geiſtes“ zurückkehre, deſſen heiliges Feuer die Reinigung vollziehe. Daß die Erneuerung komme, daran zweifelt er niemals; denn„die Wahrheit Gottes muß fort gehen!“ In einer ſeiner letzten Predigten ruft er deshalb aus: „O Prieſter, dieſe Fackel iſt ſo angezündet, daß ihr ſie nicht werdet auslöſchen können“. Das iſt die Hand des Herrn; wenn du dieſe abſchneideſt, wird der Herr eine andere ſchaffen“!
Seiner Lebensaufgabe, der Reformation der Kirche, wandte ſich Savonarola wieder mit größtem Eifer zu, ſeit ein Mann den päpſtlichen Stuhl beſtiegen hatte, deſſen perſönliches Verhalten jeden ehrlich denkenden, auf Sitte und Zucht haltenden Chriſten mit Trauer erfüllen, den Propheten von Florenz da⸗ gegen zum kräftigſten Widerſpruch herausfordern mußte. Dieſer Mann, der jeder guten Sitte Hohn ſprach und dadurch den Pontifikat zum Gegenſtand der Verachtung machte, war der Papſt Alexander VI. In alle politiſchen Händel jener Zeit verwickelt, hatte er für die ſo dringend notwendige Verbeſſerung der Kirche keinen Sinn. Aber bei aller Vernachläſſigung ſeines hohen Amtes war Alexander weit davon entfernt, dem Anſehen der Curie nach irgend welcher Seite etwas zu vergeben oder gar einen Widerſpruch gegen die vom Stuhle Petri ausgehenden Kirchengeſetze und Dogmen zu dulden. So leichtfertig er über Religion und Chriſtentum ſich ausſprach, ſo rückſichtslos er ſich über die ſittlichen Vorſchriften des Evan⸗ geliums hinausſetzte und ſeinen Leidenſchaften die Zügel ſchießen ließ, ſo wachſam war er, wenn dem Ein⸗ fluß des päpſtlichen Stuhles irgend welche Gefahr drohte, die denſelben ſchwächen konnte. Mit Verwunde⸗ rung nnd Beſorgnis mußte ihn die Kunde von der großartigen Wirkſamkeit des Priors von St. Marco erfüllen, die er ſehr bald als eine das bisher unerſchütterte Anſehen des Papſtes gefährdende richtig er⸗ kannte. Mit dieſem Mönch, von deſſen Erfolgen einzelne Nachrichten nach Rom gedrungen waren, ſich auseinanderzuſetzen, ſchien ihm der päpſtlichen Würde nicht angemeſſen; vielmehr mußte nach ſeiner Mei⸗ nung der Dominikaner unbedingt Folge leiſten, wenn der Papſt es für gut fand, ihn zur Verantwortung zu ziehen. Weder die ſelbſtändige Stellung der Priors in ſeinem Kloſter, noch viel weniger der dog⸗ matiſche Inhalt ſeiner Predigten konnten das Mistrauen des Papſtes erwecken und ihn zum Einſchreiten gegen Savonarola bewegen,(denn zu der Selbſtändigkeit des Kloſters von St. Marco hatte Alexander ſelbſt ſeine Zuſtimmung gegeben, und andererſeits bekannte ſich der Prediger jederzeit zur katholiſchen Lehre); wohl aber lagen in der politiſchen Stellung Savonarolas, ſowie in ſeinem freimütigen Proteſt gegen die Verderbtheit der Kirche, endlich in ſeinem Prophetentum für Alexander VI. Gründe genug, ſich mit den Florentiniſchen Angelegenheiten eingehend zu beſchäftigen. Die ſchlaue Politik des Papſtes und die Ehrlich⸗ keit und Redlichkeit Savonarolas; der tiefſte chriſtliche Ernſt und die ſittliche Frivolität; freimütiges Zeug⸗ nis wider die Verderbtheit der Kirche und infolge deſſen unabläſſiges Drängen auf ihre Erneuerung, und ſtandhafte Weigerung, dem tief empfundenen Bedürfnis der Chriſtenheit des Abendlandes Rechnung zu tragen: das waren die großen Gegenſätze, die in den beiden maßgebenden Perſonen Italiens, in dem unfehlbaren Papſte und dem feurigen Propheten von Florenz, verkörpert erſchienen und zu einem Kampf auf Leben und Tod führen mußten.
Der erſte Zuſammenſtoß zwiſchen beiden Männern erfolgte, als der Mönch bereits auf dem Gipfel
¹) cf. ſeine Schrift: triumphus crucis, bei Villari II. ²) Siehe die Predigten bei Villari II.


