Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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ihr zu ihrem Rechte kommen. Er will religiöſen Ernſt, er will praktiſche Erweiſung des Chriſtenglaubens, aber er redet einer methodiſtiſchen Frömmigkeit, die in dem Verbannen auch der unſchuldigſten Freude das wahre Weſen des Chriſtentums erblickt und in finſterer Weltverachtung ſtolz auf ſolche herabſieht, die nicht allem Frohſinn entſagen, niemals das Wort.¹) Er will fromme Chriſten, die ihren Beruf treu erfüllen, dem göttlichen Gebote gemäß ihr Leben ordnen, aber bei allem ſittlichen Ernſte ſich als friſche, fröhliche Gotteskinder fühlen, die durch ihren Wandel bekundeten, daß ſie der Geiſt echt evangeliſcher Freiheit lenke und leite. Und daß dieſer Geiſt echt evangeliſcher Freiheit kein Geiſt der Zügelloſigkeit iſt und den Menſchen, der ihn voll und ganz in ſich aufgenommen, nicht die ihm von Gottes Wort und Chriſti Gebot gezogenen Schranken überſchreiten läßt, das zeigt uns klar und deutlich die Perſönlichkeit Luthers, in der Gebundenheit an Gottes Wort und wahre evangeliſche Freiheit auch nach der Seite ſeines Wandels, der trotz aller friſchen und freien Bewegung, die ſich der Reformator geſtattete und trotz aller giftigen Verleumdung ſeiner Feinde derjenige eines gläubigen, frommen Mannes war und blieb, ſich in ſeltener Har⸗ monie finden. Erfüllt von dem Geiſte Chriſti, war er trotz aller ſeiner menſchlichen Schwächen und Härten eine ganze, feſte und liebenswürdige Perſönlichkeit, voll Kraft für die Arbeit, voll Zucht in der Freude, voll Zuverſicht im Leiden.

Luther war kein Sittenreformator wie Savonarola, der eine Sittlichkeit durch Geſetzesſtrenge herbeiführen wollte, ohne zu bedenken, daß eine äußere Rechtſchaffenheit ohne die innere Umwandlung nicht das wahre Chriſtentum iſt. Bei Luther galt der Satz: erſt muß das Herz ein anderes werden, und dann wird auch der Wandel ſich erneuern; Savonarola dagegen glaubte umgekehrt verfahren zu müſſen: durch äußere Zucht eine innere Umkehr herbeizuführen. Das war aber gerade ſein Irrtum, und dieſer Irrtum fußte auf ſeiner ſtreng mönchiſchen Lebensanſchauung, die es ihm unmöglich machte, auf die Höhe evangeliſcher Geiſtesfreiheit emporzuſteigen.

Als Reformator ſeines Kloſters, als Wiederherſteller der republikaniſchen Freiheit und Erneuerer des ſittlichen Lebens eines großen Teiles der Bevölkerung von Florenz, ſowie als Wächter der unter ſchweren Kämpfen errungenen Güter des Volkwohles, ſteht Savonarola gleich groß und bewundernswert da. Aber noch war ein Werk zu vollenden, und zwar das größte und ſchwerſte, deſſen Notwendigkeit er ja gleich zu Anfang ſeines Auftretens frei und beſtimmt verkündigt hatte und zu deſſen Durchführung er ſich von Gott berufen glaubte. Dies war die Reformation der Kirche, ein Werk, das er inmitten der aufregenden politiſchen Kämpfe und Wirren niemals außer Augen gelaſſen hatte und für deſſen Durch⸗ führung er unabläſſig arbeitete. Die berühmten drei Sätze, durch deren Verkündigung er ſchon im erſten Jahre ſeines Predigtamtes die Gemüter erregt hatte, kehrten deshalb in all ſeinen Reden, auch in den politiſchen wieder. Das Weſen dieſer Reformation, und die von ihrem Urheber geplante Art der Durch⸗ führung iſt freilich mit der evangeliſchen Reform des 16. Jahrhunderts nicht im entfernteſten zu vergleichen. Die von Savonarola beabſichtigte Erneuerung der Kirche iſt rein katholiſcher Natur. Weder will er den Boden der römiſchen Kirchenlehre, die ihm der reine unverfälſchte Ausdruck des Evangeliums Jeſu Chriſti iſt, und ihm untrüglich dünkt, verlaſſen, noch iſt ihm eine Verfaſſung der Kirche ohne ſichtbares Ober⸗ haupt, das ihm vielmehr jederzeit als der Statthalter Gottes und Stellvertreter Chriſti erſcheint, denk⸗ bar. Er bekennt ſich immer und immer wieder zum Dogma von der allein ſeligmachenden Kirche und

¹) Vgl. Luthers herrlichen Ausſpruch über die Muſik, die nach ſeiner Anſicht nicht nur dem Gottesdienſt dienen, ſondern auch das Familienleben veredeln ſoll. Er will ſie namentlich von der Jugend fleißig betrieben haben,da ſie eine

Zuchtmeiſterin ſei, ſo die Leute gelinder, ſittſamer und vernünftiger mache und den Geiſt der Traurigkeit vertreibe. Siehe Walch XXII. 2248 ff.