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nichtet worden ſeien, nicht minder als an der Sittenreform des Priors Anſtoß nahmen. Er bekämpfte unſittliche Schriften und Dichtungen, aber für die wahre Dichtkunſt, ſofern ſie nur das moraliſche Gefühl nicht verletzte, hatte er ein ebenſo feines Verſtändnis, wie für die Erzeugniſſe des Pinſels und des Meiſels.¹) Er zählte bedeutende Künſtler zu ſeinen Anhängern und Freunden, insbeſondere den Meiſter M. Angelo, den Savonarola's Predigten für Religion, Vaterland und Freiheit begeiſterten. Aber der Mönch hat auch über das Weſen des Schönen treffliche Ausſprüche gethan und eine„Apologie der Dicht⸗ kunſt“ verfaßt. Endlich hat er ſelbſt die Dichterharfe gerührt und ihr Töne entlockt, die ihn uns als einen für alles Edle und Erhabene empfänglichen Menſchen zeigen. Daß er die Dichterwerke vorzugsweiſe nach ihrem Inhalte abſchätzte, lag in ſeiner asketiſchen Richtung begründet.*)
Wie dachte Luther in dieſer Beziehung?
So wenig Luther in Sachen des religiöſen Glaubens einen Zwang ausüben wollte, ebenſo fern lag ihm, das chriſtliche Leben der Einzelnen unter die Zucht äußerer Satzung zu ſtellen, anſtatt es als not⸗ wendige Frucht des durch den lebendigen Glauben an die Gnade Gottes in den Herzen gewirkten neuen Geiſtes frei ſich geſtalten zu laſſen. Wie auf dem Gebiete der religiöſen Überzeugung, ſo zeigte ſich Luther auch in ſeinen Anſchauungen vom chriſtlichen Leben als den im feſten Beſitze ſeines evangeliſchen Glaubens ſich frei fühlenden Ehriſten. Derſelbe Mann, der als Reformator mit den Feinden des Evangeliums einen erbitterten Kampf führen muß, der auf der Kanzel das Evangelium von der Gnade Gottes verkündet und die Nichtigkeit menſchlichen Thuns in Sachen des Heiles der Seele aus der Schrift klärlich darthut, der vor Kaiſer und Reich für ſeine im heißen Kampfe errungene Heilsgewißheit mannhaft Zeugnis ablegt, der mit der Fackel des Gotteswortes den Irrtum der römiſchen Kirche hell beleuchtet und mit demſelben Gottesworte dem unbeſonnenen und unchriſtlichen Stürmen derer entgegentritt, die das Werk der Kirchen⸗ verbeſſerung in die Bahnen des Aufruhrs hineinleiten wollen, derſelbe ernſte, fromme Chriſt iſt heiter im Hauſe, nimmt gern teil am fröhlichen Feſte, waltet als ſorgſamer Vater mit liebevollem Ernſte in der Kinderſtube, wird ſelbſt wieder ein Kind, wenn er z. B. am Weihnachtsabende die Augen der Kleinen in ſeliger Freude leuchten ſieht, ſtimmt ein in ihren Jubel oder bringt in einem Liede Gott innigen Dank für das ihm bereitete Glück dar. Es iſt derſelbe Luther, der inmitten der ernſteſten Kämpfe und der ſchwerſten Leiden die Heiterkeit ſeines reichen, echt deutſchen Gemütes ſich zu bewahren weiß, der ſich beim ſinnigen Anſchauen der herrlichen Gottesnatur erquickt, und aus deſſen Munde nicht nur die Rede voll heiligen Ernſtes tönt, ſondern auch der liebenswürdigſte Humor in einer ſeine Umgebung fortreißenden Weiſe ſprudelt. Und wie er im häuslichen Kreiſe, bei Weib und Kind, mit denen er betet und ſingt oder denen er aus dem reichen Schatze ſeiner Erfahrung in unnachahmlicher Lebendigkeit erzählt, ſich von den Arbeiten und Laſten des Tages erholt, ſo bereitet ihm auch der Verkehr mit ſeinen Freunden und Mit⸗ arbeitern Stunden unerſchöpflicher Labung. Neidlos erkennt er die beſonderen Gaben anderer an und freut ſich, daß Gott ſie ihm als treue Gehilfen zur Seite geſtellt hat. Erinnern wir nur an den innigen Freundſchaftsbund mit Melanchthon, der ihn, den ſchon auf der Mittagshöhe des Lebens ſtehenden Mann, mit der Sprache bekannt macht, aus der Luther den für ſein Werk wichtigſten Teil des Gotteswortes in unſere herrliche Mutterſprache überſetzt hat. Er fühlt es, wie weit er in poſitiv wiſſenſchaftlicher Beziehung hinter dieſem Praeceptor Germaniae zurückſteht, er weiß es, wie wenig er deſſen Hilfe entraten kann, und ſein Herz will brechen, als er den Freund auf dem Schmerzenslager findet und ihn dem Tode nahe ſieht.
Den Genuß ſchuldloſer Freuden, den ſich Luther ſelbſt geſtattet, will er auch anderen nicht vorenthalten wiſſen. Er will nicht, daß die Welt„ein Haus der Freude ſei, aber die Freude ſoll auch in
¹) Vgl. hierüber Villari II. 102 ff. ²) Vgl. die pſalmartige Dichtung bei Villari II.


