Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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zuwendete, bildete er einen Bund, der es ſich unter anderem zur Aufgabe machte, gegen jede Übertretung der von Savonarola angeordneten frommen Übungen einzuſchreiten. Die Kinder ſollten insbeſondere an Feſttagen in den Häuſern umherziehen und jeden, den ſie bei Beſchäftigungen antrafen, die mit den ſtrengen Sittengeſetzen im Widerſpruch ſtanden, ermahnen, von ſeinem Treiben abzuſtehen, zugleich aber auch in Demut bitten, ihnen die Gegenſtände, welche vor dem Angeſicht der Kirche nicht beſtehen könnten, auszu⸗ liefern. DieſeEitelkeiten, wie man die den Kindern übergebenen Gegenſtände nannte, wurden auf dem Markte zuſammengetragen und in Gegenwart der Behörde unter Abſingung von Pſalmen verbrannt. Dies fand zweimal, und zwar an dem Karnevalsfeſte ſtatt. Von nun an geſtalteten ſich dieſe geräuſchvollen Volksbeluſtigungen unter Savonarola's Einfluß zu einer chriſtlichen Feier um, bei welcher fromme, von dem Prior gedichtete Lieder geſungen wurden.*)

So anerkennenswert das Beſtreben des Priors, das von ihm wiederhergeſtellte Gefäß des freien Staates mit dem Geiſte der chriſtlichen Religion zu füllen und dem Wandel der Florentiner einen neuen Aufſchwung zu verleihen, auch war, ſo kann die Sittenreform von dem Vorwurfe der Einſeitigkeit und Härte nicht völlig freigeſprochen werden. Daß Savonarola gegen die Unſittlichkeit ſeiner Mitbürger eiferte und zur Bekämpfung des Laſters die Hilfe des Staates anrief, daß er gegen die Verbreitung unſittlicher, den chriſtlichen Glauben gefährdender und die chriſtliche Sitte untergrabender Schriften ſeine Stimme er⸗ hob, daß er über die maßloſe Vergnügungsſucht, wodurch die Florentiniſche Bürgerſchaft des Sinnes für ernſte, das Staats⸗ und Gemeindeleben betreffende Fragen verluſtig gehen konnte, ſeinen Tadel ausſprach, wird ihm nicht leicht jemand zum Vorwurf machen. Aber durch ſeine Verurteilung ſelbſt unſchuldiger, erlaubter Freuden verrät er eine trübſinnige Lebensanſchauung, die auch mit dem Geiſte des Chriſtentums nicht im Einklang ſteht. Wenn er ferner die Jugend dazu anhielt, in den Familien eine Controle über die Einhaltung der Gebetsſtunden und Faſten zu führen und die Zuwiderhandelnden, die vielleicht die Eltern der alsDelatoren angeſtellten Kinder waren, zur Anzeige zu bringen, ſo machte er ſich dadurch einer Verkehrung der natürlichen gottgewollten Ordnung ſchuldig. Die ſittlichen Gefahren ſeiner nicht aus dem Glauben hervorgewachſenen, ſondern durch Geſetz und Zucht gewirkten Erweckung und Erneuerung hatte Savonarola in ſeinem Üübereifer, mit welchem er ſein Ziel verfolgte, und in ſeiner asketiſchen Strenge überſehen. Wie leicht konnte durch ſein Beſtreben, der Stadt Florenz den Geiſt ſittlicher Strenge aufzu⸗ zwingen, eine äußerliche Werkheiligkeit d. h. der Keim zur Heuchelei gepflanzt werden! Eine unbefangene Prüfung des Charakters der Florentiner hätte ihn überzeugen müſſen, daß ein ſolches Volk einem morali⸗ ſchen Zwang, wie ihn Savonarola im Grunde doch ausübte, auf die Dauer ſich nicht beugen werde. Wollte er erreichen, daß die Sittlichkeit in dem Leben ſeiner Mitbürger feſte Wurzel ſchlug und ihr unverlierbares Gut blieb, ſo mußte er vor allen Dingen darauf bedacht ſein, in den Herzen des Volkes eine feſte religiöſe überzeugung, eine chriſtliche Geſinnung zu pflanzen, deren Aufrichtigkeit ſich jederzeit auch in einem guten Wandel bekundet. Hätte er das von ihm mit Begeiſterung verkündete Gotteswort frei auf die Herzen wirken laſſen und nicht durch ſtrenge Geſetze eine Sittlichkeit zu erzwingen geſucht, ſo würden die Früchte ſeines Wirkens auch dauernder Natur geweſen und nicht ſobald nach ſeinem Tode wieder vernichtet worden ſein.

Aber abgeſehen von der vielfach an Calvin erinnernden Einſeitigkeit der Lebensanſchauung des Mönchs, die gerade in ſeiner Sittenreform ſich deutlich zeigte, war die letztere für den Augenblick von entſchiedenem Nutzen, indem ſie eine Kämpferſchar heranbildete, die bereit und tüchtig erſchien, die inneren und äußeren Feinde des Freiſtaates niederzuhalten und mit Erfolg abzuwehren.

übrigens war Savonarola trotz dieſer vielfach rigoriſtiſchen Lebensanſchauung keineswegs unem⸗ pfänglich für Kunſt und Wiſſenſchaft, alſo nicht der Barbar, wie ihn viele ſeiner Zeitgenoſſen hinzuſtellen ſich bemühten, die an der Verbrennung der ECitelkeiten, wobei, wie man behauptete, koftbare Werke ver⸗

¹) Stahr, S. 74 f.