36 die Verbindung mit der Kirche nicht völlig löſen wollten, ſondern ein gewiſſes religiöſes Weſen zur Schau trugen, ſo bewies ihr ſittenloſer Wandel, daß die Religion ihren inneren Menſchen nicht er⸗ griffen hatte.
Zur alten Sittenreinheit und Lebenseinfachheit, das war fortan der Inhalt ſeiner Predigten, müſſe nicht nur die Kirche, ſondern auch Florenz und ganz Italien zurückkehren. Niemals während des ganzen Mittelalters waren verderbte Zuſtände in Staat, Kirche und Geſellſchaft ſchonungsloſer und ungeſcheuter aufgedeckt worden, als dies in den Faſtenpredigten des Mönchs von St. Marco(vom Jahre 1495 ¹) ge⸗ ſchah; noch nie hatte aber auch ein Prediger jener Zeit mit den Forderungen des göttlichen Geſetzes mehr Ernſt gemacht. Kein Stand, kein Geſchlecht, kein Alter findet Gnade vor dem unerbittlichen Sittenrichter. Er rügt nicht nur den Klerus, der durch ſein Verhalten den Zorn Gottes auf ſich herabrufe und durch die von ihm beliebte Veräußerlichung des Gottesdienſtes, deſſen Weſen die Geiſtlichen in eitlem Schau⸗ gepränge und in Ceremonien ſuchten, das Seelenheil der Gemeinden ſchädige, ſondern auch über die Genußſucht und Laſter der Reichen, deren ſchlechtes Vorbild unwürdige Geſinnungen im Volke hervorge⸗ rufen hätte, ſchwingt er die Geißel ſeines ſtrafenden Wortes. In ſeinem Eifer geht er freilich oft ſo weit, daß er ſelbſt unſchuldige Freuden verdammt und gegen das, was das Leben ſchmückt und erheitert, ebenſo rückſichtslos zu Felde zieht, wie gegen ſittliche Ausſchreitungen. Aber neben dem heiligen Zorne des Bußpredigers tritt auch aus dieſen Reden wieder die feurige Vaterlandsliebe des Mönchs hervor, der von dem ſittlichen Wandel ſeiner Mitbürger nicht nur den Beſtand und das zukünftige Glück des Staates, ſondern noch vielmehr die göttliche Gnade, die nur durch gute Werke erlangt werden könne, abhängig macht.„Thue Buße, Florenz“, ſo ſchließt er ſeine Reden,„führe ein heiliges Leben, laß es dich um Gottes und deines Heiles willen nicht gereuen, umzukehren. Ja, Florenz, dich vor allem ermahne ich; denn von dir, als dem Mittelpunkte, ſoll die Reformation ausgehen, von dir aus ſoll ganz Italien erneuert werden. Darum hat dir Gott auch von allen Städten Italiens die Schrift eröffnen und die Trübſale verkün⸗ digen laſſen, daß du dich rüſteſt und vorbereiteſt; er hat dir ſelbſt offenbart, wie du dich erhalten ſollſt“!
Wochenlang hatte er in dieſer Weiſe über die Notwendigkeit der Sittenverbeſſerung mit der ihm eignen Begeiſterung geſprochen, als er in der Schlußpredigt über Hiob, welche das Thema:„Wandelt von Tugend zu Tugend“ behandelte, noch einmal die volle Schale ſeines heiligen Prophetenzornes über ſeine entarteten Zeitgenoſſen ausgoß und mit den Worten endigte:„Nur, wenn ihr euren Wandel beſſert, werdet ihr Chriſtum in jenem Leben treffen“! Erſchütternd muß der Eindruck dieſer Verkündigungen geweſen ſein; denn einer der eifrigſten Zuhörer Savonarola's, derſelbe, welcher die Predigten des Priors nachſchrieb, verſichert, es ſei ihm, wenn der Redner der Gemeinde die Schrecken des kommenden Gerichtes, das gleich einem verheerenden Bergſtrom über Italien ſich ergießen werde, in lebendigſter Weiſe geſchildert habe, vor Weinen nicht möglich geweſen, weiterzuſchreiben. ²)
Aber nicht etwa nur vorübergehende Gefühle riefen die Bußrufe des Redners in den Herzen des lautlos und in Bangigkeit lauſchenden Volkes hervor; ihre Wirkungen zeigten ſich bald auch in dem Leben der ganzen Bevölkerung. Florenz war das Gepräge ſittlichen Ernſtes aufgedrückt. Reiche wie Arme wett⸗ eiferten in äußerer Einfachheit, in Sittſamkeit, ſowie in Bethätigung des religiöſen Sinnes, den die Pre⸗ digten Savonarola's geweckt hatten.
Aber Savonarola genügten dieſe Wirkungen ſeiner Predigten nicht: er ging noch weiter. Er verlangte, um Florenz ganz umzuwandeln, ähnlich wie Calvin, auch von der Obrigkeit ſtrenge Sittengeſetze und deren unnachſichtige Handhabung, er forderte ſtrenge Beſtrafung jeder Unſittlichkeit, jeder Gottes⸗ läſterung, Verbote von Tanz und Muſtk, von jeder Art des Spieles, ſowie Geſetze, welche das Nichtein⸗ halten der Faſten mit Strafe bedrohten. Aus der Jugend, deren Erziehung er ſeine volle Aufmerkſamkeit
¹) Siehe die Predigten bei Villari I. 251 ff. ²) Villari a. a. O.


