Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

35

Reformation anhängenden Fürſten gegen den Kaiſer, dem Luther jederzeit eine rührende Pietät bewahrte, das Schwert zu ziehen im Begriffe ſtanden. Wenn irgendwo, ſo hat Luther gerade in dieſem Punkte eine Feſtigkeit, eine Conſequenz bewieſen, die nicht etwa aus unbegreiflichem Starrſinn, ſondern vielmehr aus ſeiner demütigen Beugung unter das Gottesgebot hervorgegangen iſt und deshalb unſere vollſte Bewunderung verdient. ¹) Sagen will ichs, ſchreiben und predigen will ichs, ruft er den Freiheitsſtürmern zu, und warnt ſie, die gute Sache durch Misverſtand und unrechtmäßigen Gebrauch der Gewalt nicht ins Verderben zu reißen. Er will nur auf Gemüt und Gewiſſen wirken, er will nur eine religiöſe Umgeſtaltung durchſetzen, nur die verderbte Lehre reformieren, aber nie hält er ſich berufen, ein politiſcher Reformator zu ſein, nie will er bürgerliches und religiöſes Gebiet in eine unauflösliche Verbindung, ähnlich wie Savonarola, bringen, weil er mit ſcharfem Blick erkennt, daß daraus keinem von beiden ſittlichen Faktoren Heil und Segen er⸗ wachſen könne.

Luther ließ neben ſeiner kirchlichen Thätigkeit auch die ſocialen Fragen nicht außer Auge, er gab auch der Obrigkeit gelegentlich ſeine Gedanken über die Mittel zur Abhilfe von Schäden im öffentlichen Leben, ohne indes, wie wir dies bei dem Florentiner ſahen, Anſpruch auf göttliche Eingebung dieſer Rat⸗ ſchläge zu machen und ſie als unbedingt annehmenswert zu bezeichnen. Aber allen Bemühungen ſolcher gegenüber, die, wie z. B. die Zwickauer Propheten, eine neue Theokratie aufrichten oder gar das jüdiſche Ceremonialgeſetz und die bürgerlichen Geſetze des Alten Teſtaments als verbindlich für die Chriſten wollten angeſehen haben, verhält er ſich entſchieden abweiſend, indem er wieder und wieder auf die notwendige Sonderung beider Gebiete, des Staates und des religiöſen Lebens, hinwieß.Was etwa aus jenem Ge⸗ ſetze für ſein chriſtlich-deutſches Volk ſich empfahl, ſollte frei mit der Vernunft geprüft, was aber nur zu ſtätuieren wäre, ſollte auf dem gewöhnlichen Wege der Geſetzgebung eingeführt werden.*) Weiter ſagt er mit Bezug auf löbliche Geſetze, die man bei alten heidniſchen Völkern finde:Gott hat das Welt⸗ reich in die Vernunft gefaſſet und hat da Vernunft genug gegeben, leibliche Sachen zu regieren; man bedarf darum nicht die heilige Schrift um Rat zu fragen, ſondern Gott hat auch unter alle Heiden ſolche Gaben ausgeworfen.*)

Kehren wir wieder zu der Entwicklung des Propheten von Florenz zurück!

Savonarola hatte erreicht, was keiner der politiſchen Größen von Florenz, ja von ganz Italien, möglich geweſen war: er hatte ein unter der Herrſchaft zwar kunſtſinniger, aber nach unumſchränkter Ge⸗ walt ſtrebender Fürſten geknechtetes Volk ſeiner Feſſeln entledigt und ihm die alte Freiheit, um welche die Vorfahren ſo lange und ſo heiß gerungen, wieder gegeben. Er hätte ſich an dieſer That können genügen laſſen. Aber dem patriotiſchen Manne ſchwebte noch ein anderes Ideal vor: das freigewordene Volk ſollte auch durch ein religiös⸗ſittliches Leben dem ganzen Italien voranleuchten, um vermöge ſeiner ſittlichen Kraft die Herrſchaft über das Land zu führen, von dem nach der Anſicht des Priors die Erneuerung der Kirche, ja der Welt, ausgehen werde.Nur ein ſittliches Volk verdient den Namen eines freien Volkes und kann auch nur durch ſeine Sittlichkeit die ihm zu teil gewordene Freiheit behaupten. Deshalb ſehen wir ihn jetzt Hand anlegen, die Sitten ſeines Volkes, die zumeiſt ſehr lockerer Art waren, zu beſſern. Wie im alten Griechenland und Rom mit der Religioſität des Volkes auch deſſen gediegene Sitte ſchwand, ſo ging auch in Florenz Verachtung und Leugnung der Religion mit tiefer ſittlicher Entartung Hand in Hand. Das Leben jener Tage legt Zeugnis von der Wahrheit ab, daß, wo das Band mit Gott gelöſt iſt, auch der ſittliche Zügel fortgeworfen wird. Und wenn auch jene oben erwähnten Schöngeiſter und Altertumsverehrer

¹) cf. Seine Schrift: Eine treue Vermahnung wieder alle Chriſten, ſich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, bei Meurer S. 485 ff.

²) cf. Köſtlin, Leben Luthers. I. 622. 729.

³) cf. die Schrift wider die Zwickauer Propheten bei Meurer S. 359 f.

5*