Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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zu dieſer politiſchen Umgeſtaltung in irgend einer Weiſe behilflich zu ſein. Sein geſunder, praktiſcher Sinn ſagte ihm, daß das Betreten der politiſchen Bahn ſeinem Werke den Untergang bereiten müſſe. Er hat zwar das patriotiſche Beſtreben der Reichsritterſchaft mit Intereſſe verfolgt, aber ſelbſt in das Räderwerk des ſtaatlichen Lebens einzugreifen und die religiöſe Erneuerung als Mittel zur Wiedergeburt jenes zu be⸗ nutzen, das ſtand für ihn im Widerſpruche mit dem göttlichen Worte. Als die Pläne Sickingens geſcheitert waren, und der Ritter ſelbſt ſeinen Untergang gefunden hatte, ſagte Luther:Gott iſt wunderbar in ſeinen Gerichten, er will ſeinem Reich nicht mit dem Schwert geholfen haben!

Freilich iſt Luthern von gegneriſcher Seite der Vorwurf gemacht worden, ſeine Reform habe das revolutionäre Beſtreben und Wirken der beiden Reichsritter hervorgerufen, er trage alſo die Schuld an den auf den Sturz der faſt unabhängig gewordenen Fürſtengewalt gerichteten Unternehmungen Sickingens und Huttens. Aber wer mit der Geſchichte der Reformation, insbeſondere der Entwicklungsgeſchichte Luthers bis zum Ende des großen Bauernkrieges, ſowie endlich mit dem Inhalte ſeiner grundlegenden Schriften aus der Sturm⸗ und Drangperiode ſeines kämpfereichen Lebens nur einigermaßen bekannt iſt und den Mann und ſein auf dem Grunde heiß errungenen, unverfälſchten Herzensglaubens ſich kühn emporhebendes mannhaft⸗patriotiſches Streben nicht durch die vom Parteihaß gefärbte Brille anſchaut, ſondern ihn aus ſeinem innerſten Weſen heraus zu beurteilen verſteht, der wird und muß es unumwunden anerkennen, daß ihm nichts ferner lag, als die Religion, das Evangelium, das er ſeinem deutſchen Volke kurz vorher in den trauten Klängen der Mutterſprache in die Hand gegeben hatte, daß er das Gotteswort, mit dem er die Irrtümer Roms bekämpft, mit dem er einem Cajetan und Eck entgegengetreten und in deſſen Kraft er furchtlos vor Kaiſer und Reich gezeugt hatte, zur Herbeiführung einer politiſchen und ſocialen Um⸗ wälzung zu misbrauchen, unter dem Vorwande, ſie ſei eine im Worte der Schrift begründete und dem Geiſte des Chriſtentums homogene. Aus ſeinen drei großen Schriften aus der erſten Zeit ſeines Wirkens leuchtet uns neben dem Glaubenshelden, der für evangeliſche Freiheit kühn und mannhaft ficht, ſtets der Mann der geſetzlichen Ordnung, der Mann des Gehorſams gegen die weltliche Obrigkeit, der deutſch ge⸗ ſinnte Mann hervor. So laut er die Freiheit des Gewiſſens verkündet, ſo demütig beugt er ſich wieder unter das geſchriebene Gotteswort, das auch der menſchlichen Freiheit die Grenzen zieht, welche ſie, ohne zügellos und zuchtlos zu werden, nicht überſchreiten darf. Er hat wol ein warm ſchlagendes Herz für die Leiden des aus tauſend Wunden blutenden Reichskörpers, dem durch welſche Tücke ein Teil ſeiner beſten Kräfte entzogen, deſſen Ehre ſo oft und ſo frevelhaft in den Staub getreten worden, er kennt auch die Leiden des armen, von dem Übermut weltlicher Oberen unterdrückten Volkes, namentlich des Bauern⸗ ſtandes; aber ſo bereit er ſich auch zeigt, wie wir dies aus ſeinem Verhalten vor Ausbruch des großen Bauernkrieges erſehen können, den Herrn vom Adel ihre Pflichten gegen ihre Untergebenen einzuſchärfen, und ihnen aus Gotteswort beweiſt, daß ſie auch in dem zum Leibeigenen herabgedrückten Bauern den Menſchen zu ehren hätten, der auch Gottes Ebenbild an ſich trage, ſo ſtandhaft wieß er jede gewaltſame Auflehnung gegen die weltliche Origkeit, auch wenn ſie ungerecht verführe, zurück und erklärte ein ſolches Verfahren unumwunden für eine Übertretung des göttlichen Gebotes, die dem Übertreter nur zum Ver⸗ derben gereichen müſſe.

Sein Verhalten während des Bauernkrieges, für deſſen Ausbruch man ihn, als Verfaſſer der Schriftvon der Freiheit eines Chriſtenmenſchen, verantwortlich gemacht hat und vielfach noch heutzutage macht, zeigt uns denſelben Luther aus der Zeit der Erhebung der Reichsritterſchaft, der jede gewaltthätige Selbſthilfe verwirft und bekämpft, der in jedem Aufruhr das größte Übel erkennt. Er warnt davor, Weltliches und Geiſtliches, bürgerliches und religiöſes Leben, Religion und Politik miteinander zu ver⸗ mengen, wodurch jedem der beiden die freie Bewegung geraubt werde, er weiß, daß alle idealen Güter zu grunde gehen müſſen, wenn der Aufruhr gegen weltliche Obrigkeit die Oberhand gewinne. Und wie in den beiden kurz berührten politiſchen Bewegungen, ſo iſt Luther ſeinem Grundſatze auch treu geblieben, als es ſich um Sein oder Nichtſein der von ihm aufgerichteten evangeliſchen Kirche handelte, und die der