31
ging alſo mehr auf die Richterzeit, in welcher Israel ein Freiſtaat war, zurück.) Zwar habe ein Be⸗ herrſcher von Florenz geſagt, man könne den Staat nicht mit Gebeten regieren; das ſei aber der Ausſpruch eines Tyrannen und Feindes Gottes.„Wollt ihr“, ſagt Savonarola,„eine gute Verfaſſung, ſo ſtellet Gott obenan. Reiniget zuerſt eure Herzen und erfüllet euch mit dem Geiſte chriſtlicher Liebe; denn ohne dieſes werdet ihr niemals frei werden noch bleiben können“.„Florenz, ich ſehe, du möchteſt, daß einer dein Haupt wäre. Nun, Gott will dir ein Oberhaupt geben, einen König, der dich regiert. Dieſer König iſt Chriſtus. Laß dich von ihm führen und mache es nicht, wie Israel, welches von Samuel einen König verlangte, worauf Gott ihm antwortete: Gib ihnen einen König, nicht dich, nein mich haben ſie verworfen. O Florenz, ahme nicht nach. Nimm Chriſtus zu deinem Herrn und bleib' unter ſeinem Geſetz“!
Die ganze Verfaſſung erhielt ſo einen chriſtlichen Charakter, und Savonarola bemühte ſich während ſeines ganzen Lebens, denſelben dem Staate zu bewahren. Chriſtlicher Glaube, chriſtliche Liebe war es ja, wozu er fort und fort ermahnte. Das Volksleben ſollte von dem Geiſte des Chriſtentums durch⸗ drungen, Florenz zum Mittelpunkte des chriſtlichen Reiches werden, von dem aus den Völkern Italiens, ja der Welt, Beſſerung ihrer religiöſen Zuſtände gebracht würde. Savonarola's Ziel war alſo, Staat und Kirche in eine unauflösliche Verbindung zu bringen. Er wollte den Zuſammenhang zwiſchen Recht und Sittlichkeit ſo innig geſtalten, daß beide ineinander aufgingen.
Für die Idee, ſeine Theorie des Rechtes und der Politik auf chriſtliche Dogmen zu gründen, fand er, der ja nicht nur ſeine religiöſen ſondern auch ſeine politiſchen Gedanken und Reformen aus der Schrift ableitete, in den Büchern des Neuen Teſtamentes keinen Anhalt. Das Chriſtentum, das keinerlei Staats⸗ form vorſchrieb, ſondern die Menſchheit ſittlich erneuerte, das Chriſtentum, als die Religion der wahren Freiheit, überließ es der Entwickelung der Völker, die ihren Bedürfniſſen angemeſſenſte ſtaatliche Ordnung zu empfangen. Wir finden in keiner neuteſtamentlichen Schrift einen Anhalt dafür, daß der Heiland oder ſeine Apoſtel ſich für eine beſtimmte Staatsverfaſſung ausgeſprochen hätten, ebenſowenig dafür, daß Staat und Religion völlig vermengt werden müßten. Das Chriſtentum weiß hiervon nichts, und ſein göttlicher Stifter hat nie die Stellung eines weltlichen Geſetzgebers beanſprucht. Auch die Apoſtel verzichteten darauf, ſich in weltliche Angelegenheiten zu mengen oder ſich mit politiſchen Fragen zu beſchäftigen. Sie predigen Gehorſam gegen die Obrigkeit, ſie ermahnen zu chriſtlichem Leben, ſie wirken freilich auch dahin, daß der Geiſt der chriſtlichen Religion die weltliche Ordnung durchdringe. Daß das Evangelium alle Verhältniſſe durchdringen ſolle, das war auch die Meinung Chriſti. Aber derſelbe Herr und Meiſter, der geſprochen: „Gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt und Gott, was Gottes iſt“, hat nie und nirgends Veranlaſſung gegeben, aus der chriſtlichen Religion die abweichendſten politiſchen und ſocialen Theorieen herzuleiten.
Das Chriſtentum will zwar keineswegs eine vollſtändige Sonderung von Staat und Religion, aber doch eine durch ihre Natur bedingte Unterſcheidung beider Bereiche. Nach der Meinung Savona⸗ rola's ſollte„der Staat die Kirche ſo vollſtändig in ſich aufnehmen, daß die Grenzen beider gleichſam ver⸗ ſchwänden“. Er wollte ſeiner auf demokratiſcher Baſis errichteten Republik durch Einhauchung chriſtlichen Geiſtes einen feſteren Beſtand verleihen, geriet aber, indem er vergaß, daß Staat und Religion behufs ihrer freien Entwicklung unterſchieden ſein müſſen, in den Irrtum, ſchließlich einen Zwang auf das religiöſe und ſittliche Leben der Bevölkerung auszuüben, infolge deſſen die Freiheit des Gewiſſens bedroht wurde.
Savonarola's Einfluß auf die Leiter der nach ſeinen Vorſchlägen umgebildeten Republik war vielfach maßgebend. Wenn er auch nicht unmittelbar in die Staatsangelegenheiten eingriff, ſo geſchah doch während der vier Jahre ſeiner geiſtlichen Thätigkeit auf dem Gebiete des Staates nichts, worüber man nicht zuvor ſeine Meinung eingeholt hätte.
Ähnlich wie die Propheten Israels, die den Königen ratend zur Seite ſtanden, wollte Savona⸗ rola durch begeiſterte Verkündigung des Gotteswillens die ſtaatlichen und bürgerlichen Verhältniſſe heiligen, für die rechte, Gott wohlgefällige Leitung des Staates eintreten, wenn dieſelbe Gefahr lief auf Abwege zu geraten oder wenn menſchliche Leidenſchaft das Wohl des Vaterlandes in Frage zu ſtellen drohte.— Kurz,


