Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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von Florenz für ſich zu gewinnen; doch dieſer hielt an dem Bunde mit Neapel feſt. Dagegen machte ſich in der Florentiniſchen Bürgerſchaft eine Frankreich zuneigende Strömung geltend. Dieſe franzöſiſche Ge⸗ ſinnung wurde mächtig gefördert durch Savonarola, welcher in dem Könige, deſſen Ankunft er vorhergeſagt hatte, nicht nur die Zuchtrute ſondern auch den von Gott geſandten Retter Italiens erblicke. Trotz der für Frankreich geſtimmten öffentlichen Meinung in Florenz mußten Beſorgniſſe laut werden, da der König als Feind nahte. Als zugleich die Verſtimmung gegen Pietro, welcher das zwiſchen Florenz und Frank⸗ reich ſeit lange beſtehende gute Einvernehmen zerſtört hatte, wuchs, eilte derſelbe, aller Beſonnenheit bar, in das franzöſiſche Lager und ſchloß mit dem Sieger einen ſchimpflichen Vertrag. Ganz Florenz war über die ſchmählichen Bedingungen dieſes Vertrags, welcher die wichtigſten Feſtungen dem Feinde preisgab, empört. Unverzüglich wurde eine Geſandtſchaft an den König abgeſchickt, und durch die Freimütigkeit Savonarola's, der ſich ihr angeſchloſſen hatte und ihr Wortführer in der Unterhandlung war, gelang es ihr, den Frieden unter weit günſtigeren Bedingungen abzuſchließen. Unterdeſſen vollzog ſich in Florenz die ſchon längſt erſehnte Anderung in der Leitung des Staates. Pietro und ſein Bruder wurden für Vater⸗ landsverräter erklärt und für immer aus dem Florentiniſchen Gebiete verbannt. ¹)

Bald nach Ausbruch dieſer Revolution, deren unblutiger Verlauf dem Prior von St. Marco zu verdanken war, hielt Karl VIII. ſeinen Einzug in Florenz, wo ihn das Volk feſtlich empfing. Als er aber in der Stadt wie ein Eroberer ſich gebärdete und die maßloſeſten Forderungen ſtellte, verwandelte ſich die Begeiſterung der Bevölkerung in tiefen Unwillen. Nur dem Einfluß des vaterlandsliebenden Savonarola war es zuzuſchreiben, daß kein blutiger Aufſtand gegen den König ausbrach. Karl, von dem Prior mit dem Zorne Gottes bedroht,wenn er ſeine Aufgabe, Italien von ſeinen Leiden zu befreien und die Kirche zu reformieren, nicht erfüllen und Florenz, auf deſſen Handel und Gewerbe die Anweſenheit fremden Kriegs⸗ volkes ſtörend wirke, noch länger beunruhigen würde, verließ nach faſt 14tägigem Aufenthalte die Stadt. Aber nicht für den Augenblick nur ſollte Savonarola ſeinem Vaterlande zum Nutzen gereichen; nein, man erblickte in ihm auch den Mann, der durch die Macht ſeiner Perſönlichkeit und ſeines Wortes den feſten Grund zu legen imſtande ſei, auf welchem ſich Freiheit, Geſittung und Wohlſtand der Stadt Florenz aufzubauen und gedeihlich zu entwickeln vermöge. Man wandte ſich an ihn mit der Bitte, durch die Predigt des göttlichen Wortes die Leidenſchaften des unruhigen Volkes zu zügeln und den Leitern des Staates mit Rat und That zur Seite zu ſtehen. Seine Liebe zum Vaterlande ließ Savonarola nach einigem Schwanken die Bahn betreten, die ihn zum höchſten Anſehen führen ſollte. Seine Feſtigkeit gegen⸗ über den Verlockungen derjenigen, welche ihn zum Führer einer wilden Demagogie zu machen ſich be⸗ mühten, ſeiner Beſonnenheit und ſeinen zu Friede und Verſöhnung mahnenden Predigten, die er in jenen un⸗ ruhigen Tagen im Dome hielt, war es zu verdanken, daß Florenz vor einer Pöbelherrſchaft bewahrt blieb, daß keine blutigen Zuſammenſtöße zwiſchen der Partei der Ordnung und der zum großen Teile wild erregten Volksmenge ſtattfanden.) Die Begründung der Größe ſeines Vaterlandes, ſowie deſſen religiös⸗ ſittliche Erneuerung, das waren die Ziele, denen er jetzt unentwegt zuſteuerte. Anfangs wieß er nur in allgemeinen Sätzen, die zunächſt noch keine greifbaren Vorſchläge enthielten, auf die Notwendigkeit einer Abhilfe des politiſchen Notſtandes der Stadt hin, die ſowohl vor einer Maſſenherrſchaft als auch einem oligargiſchen Parteiregiment bewahrt werden müſſe. Je tiefere Blicke er aber in die durch Pietro's un⸗ rühmliches Verhalten herbeigeführte Verwirrung der öffentlichen Zuſtände that, je mehr er ſich mit den öffentlichen Angelegenheiten überhaupt beſchäftigte, deſto deutlicher geſtalteten ſich ſeine politiſchen Anſichten. Die in jenen ſtürmiſchen Novembertagen des Jahres 1494 gehaltenen Predigten laſſen uns einesteils in das Herz des glühenden Patrioten einen tiefen Blick thun, andernteils zeigen ſie uns den Mann, der ohne jede Erfahrung in der Staatsleitung mit wunderbarem Inſtinkt das für den Augenblick allein Zweckmäßige und Heilſame erkennt und mit ſeltenem Geſchick auch zur Ausführung zu bringen weiß. In den Pre⸗

¹ Ranke a. a. O.