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hat, auf die Dauer einzwängen zu können. Die Zeiten, wo ſelbſt die Beſten ihres Volkes ihre Kräfte hinter Kloſtermauern verkümmern ließen, anſtatt friſch„ins volle Menſchenleben hineinzugreifen“, war im großen ganzen vorüber. Und Savonarola ſelbſt, dieſer reiche Geiſt, dieſer nicht nur in geiſtlichen ſondern auch in weltlichen Dingen wohl erfahrene Mann, mußte hiervon klar überzeugt ſein. Wenn er trotzdem in der Kloſterreform den allein richtigen Ausgangspunkt für ſeine weitere Thätigkeit auf kirchlichem und politiſchem Gebiet erblickte, ſo iſt dies eben nur daraus zu erklären, daß er in ſeinen mönchiſchen Ideen, an die ſich ſeine religiöſen und moraliſchen Grundſätze und Anſichten gleichſam kryſtalliſirten, zu befangen war, als daß die Einſeitigkeiten und Gefahren, die mönchiſches Weſen mit ſich führt, ihm zum völlig klaren Bewußtſein gekommen wären, weiter aber daraus, daß er den eigentlichen Krebsſchaden der mittel⸗ alterlichen Kirche nicht erkannte. Eine ſolche Erkenntnis hätte ihn aus dem Kloſter heraus auf die Bahn evangeliſcher Freiheit führen müſſen. Dies war ihm aber nicht vergönnt; denn ſo wenig er eine Trennung von der Kirche wollte, ebenſo wenig eine Scheidung vom Kloſter, in welchem er den geweihten Ort er⸗ blickte, wo er nach den heißen Kämpfen gegen das Verderben der Kirche in demütigem Gebet die Ver⸗ einigung ſeiner Seele mit Gott feiern konnte.
Savonarola war aber nicht nur der Bußprediger und der Erneuerer ſeines Ordens, ſondern er fühlte ſich auch berufen, auf ſtaatlichem Gebiete zu reformieren. Dieſe ſeine politiſche Thätigkeit müſſen wir auch betrachten, da von ihr ſeine innere Entwicklung zum Teil beeinflußt worden iſt.
Bald nach dem Tode Lorenzo's des Prächtigen nahmen die politiſchen Verhältniſſe Toskanas, insbeſondere die der Stadt Florenz, eine unglückverheißende Wendung. Hatte ſich dieſer durch ſeine Klugheit, womit er die Empfindlichkeit des auf ſeine Teilnahme an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten eifer⸗ ſüchtigen Volkes ſchonte, ſowie durch ſein Beſtreben, der Republik Florenz eine Art Übergewicht über die anderen Staaten Italiens zu verſchaffen, einen gewiſſen Grad von Popularität erworben, ſo war das hochfahrende und rückſichtsloſe Gebahren ſeines Sohnes Pietro, der darauf ausging, ſeine Unterthanen auch um den Reſt ihrer politiſchen Freiheit zu bringen, ganz dazu geeignet, das Haus der Medici gründlich verhaßt zu machen. In Florenz, wo die Erinnerung an die alte bürgerliche Freiheit noch fortlebte, ſcharten ſich die mit Pietro's Regiment Unzufriedenen immer zahlreicher um den Dominikanerbruder, der ſeinem Schmerze über die traurige Lage ſeines Vaterlandes, auf dem der Übermut eines zu jeder Gewaltthat geneigten Fürſten mit Centnerſchwere laſtete, lebhaften Ausdruck verlieh und zuverſichtlicher, denn je zuvor, auf die Italien treffenden ſchweren Heimſuchungen hinwieß.¹) In ſeinen Predigten über die Arche Noäh verkündete er dem entſetzten Volke, daß die Strafe unmittelbar bevorſtehe.„Ich ſage euch, es wird kommen ein Sturm, ein Sturm dem Elias gleich, und der Sturm wird die Berge erſchüttern. Über die Alpen wird Einer daherziehen, dem Cyrus gleich, von welchem Jeſaja ſchreibt: O ihr Hohen und Weiſen und Niedrigen, die mächtige Hand des Herrn ſteht über euch, der keine Gewalt noch Klugheit widerſtehen mag. O Florenz, um deiner Miſſethat willen kommt die Züchtigung. O Italien, um deiner Sünde willen kommt die Trübſal. O Prieſterſchaft, um deinetwillen kommt der Sturm!“ Während man über das Unerhörte einer ſolchen Verkündigung ſich beſprach, langte die erſchütternde Nachricht von dem Einbruch eines großen feindlichen Heeres in Florenz an und brachte eine furchtbare Aufregung hervor. Der Feind, welcher den Frieden Italiens bedrohte, war Karl VIII. von Frankreich, ein zwar geiſtig wenig über das Mittelmaß emporragender, aber nach Ruhm und Abenteuern begieriger Fürſt. Sein Zug galt zunächſt dem Königreiche Neapel, auf welches er, als Verwandter jenes Karl von Anjou, deſſen Gewalt einſt der letzte Staufe erlegen war, gegründetere Anſprüche zu haben glaubte, als der gegenwärtige Herrſcher aus dem Hauſe Aragon. Von Neapolitaniſchen Baronen, welche, mit ihrem Regenten unzufrieden, nach Frankreich über⸗ geſiedelt waren, unaufhörlich angeſtachelt und in ſeinem Vorhaben von dem Fürſten von Mailand und dem Papſte beſtärkt, ließ ſich der König zu einem Einfall in Italien verleiten. Er ſuchte auch den Herrſcher
¹) Ranke S. 205 ff.


