Gewiß dürfen wir jene Ausſprüche über die Rechtfertigungslehre nicht als die alleinige Quelle betrachten, aus der eine richtige Beurteilung der dogmatiſchen Stellung Savonarola's geſchöpft werden kann, wir dürfen nie vergeſſen, daß er jede Abweichung von der römiſchen Kirchenlehre für Ketzerei er⸗ klärt; aber wer wollte verkennen, daß uns in den Meditationen das Bekenntnis eines Chriſten vorliegt, der in der Not des Lebens und angeſichts des qualvollſten Todes nur in dem feſten Vertrauen auf die göttliche Gnade, und zwar unter Verzicht auf alles Verdienſt, ſein Heil begründet weiß! Jedenfalls liefern die angeführten Ausſprüche einen Beweis für ſein Wachstum in der Heilserkenntnis, ſowie dafür, daß in ſeinem Innern Zweifel an der Richtigkeit der römiſchen Lehre aufzuſteigen anfingen, Zweifel, die bei längerem Leben und tieferem Eindringen in die Schriften des Apoſtels Paulus vielleicht in einem Bruch mit der Kirche ihre Löſung gefunden haben würden. Ob er ſich des Gegenſatzes der römiſchen Kirche zu der Lehre von der„Rechtfertigung durch den Glauben allein“ völlig klar bewußt geweſen iſt, wird freilich nicht zu ergründen ſein.
Von der evangeliſchen Sinnesweiſe Savonarola's war auch Luther überzeugt.„Obwohl“, ſagt Luther in der Vorrede zu den von ihm herausgegebenen Meditationen Savonarola's,„an den Füßen dieſes Mannes noch viel von dem Wuſt der Scholaſtik hängt, ſo hat er es dennoch ausgeſprochen, wie aller Ruhm der Werke ſo gar nichts ſei vor Gott und wie nötig der alleinige Glaube im Gericht und Tod ſei ohne alle Werke, darauf man ſich verlaſſen könne“. ⁴)
Faſſen wir der klareren Überſicht wegen die Anſichten der katholiſchen und evangeliſchen Kirche über heilige Schrift und Rechtfertigung nochmals kurz zuſammen, ſo möchte der Unterſchied folgender ſein:
Der Proteſtantismus erklärt die heilige Schrift für die alleinige Norm in Sachen des Glaubens; der Katholicismus leugnet ihre Autorität nicht, ſtellt ihr aber die Tradition als Ergänzung und Auslegung, ſowie eine Fülle von Kirchenſatzungen zur Seite. Der Proteſtantismus geſtattet Freiheit im Gebrauche der heiligen Schrift, der Katholicismus beſchränkt dieſe Freiheit durch Bibelverbote und ſogenannte authentiſche Schriftauslegung. Der Proteſtantismus fordert von ſeinen Bekennern Prüfung, Forſchung und freie Zu⸗ ſtimmung, der Katholicismus Unterwerfung unter das Kirchengebot. Dem Proteſtantismus iſt die Tra⸗ dition keine ſelbſtſtändige Quelle der Wahrheit, ſondern eine nicht ſelten getrübte Entwicklung der bibliſchen Heilslehre.
Der Katholicismus legt die Rechtfertigung des Menſchen auch in die Hand der göttlichen Gnade; aber dieſe Rechtfertigung iſt nicht als ein in ſich abgeſchloſſener Akt, als Gerechtſprechung gedacht, durch welchen der Menſch von aller Schuld freigeſprochen und in ein neues Recht eingeſetzt wird, ſondern als eine Gerechtmachung, die durch die Gnade begründet wird, ihre Förderung aber durch ſittliche Leiſtungen ſeitens des Menſchen empfängt.
Nach proteſtantiſcher Lehre iſt die Rechtfertigung weſentlich Sündenvergebung, die indes an keine Leiſtung des Menſchen, ſondern allein an den Glauben, an das„an ſich ſelbſt verzagende, auf Gottes Gnade in Chriſtus allein gerichtete Heilsverlangen der Seele“ geknüpft iſt. Dagegen erblühen aus dem durch den Akt der Rechtfertigung gewirkten neuen Leben gute ſittliche Thaten und Werke, und zwar als die natür⸗ lichen Kundgebungen dieſes Lebens. Die guten Werke ſind alſo die notwendigen Früchte des neuen Lebens, die aber zu keinerlei Anſprüchen an die Gnade berechtigen.
Zeigt der bisher geſchilderte Entwicklungsgang des Mönchs aus Ferrara deſſen volle Überein⸗ ſtimmung mit der Lehre der römiſchen Kirche, ſo war damit keineswegs ausgeſprochen, daß er mit allen
¹) Luthers Vorrede zu Savonarola's Auslegung des 51. Pſalms.


