So ſchön, ja herrlich ſeine Ausſprüche über die guten Werke und die chriſtliche Liebe ſind, ſo vieles er zum Preiſe dieſer von ihm ebenfalls als Geſchenk Gottes betrachteten Liebe zu ſagen weiß, ſo mächtig ergriffen von der Liebe Chriſti er ſich uns darſtellt, ſo beredtes Zeugnis für dieſes Ergriffenſein ſein Leben und Wirken ablegt, ſo wenig Verſtändnis zeigt er in dieſer Periode ſeines Schaffens für die Lehre des Apoſtels, der, von allem menſchlichen Verdienſt vor Gott abſehend, alle, auch die edelſten Thaten des Chriſten, nur als eine Frucht des an der eignen Kraft verzweifelnden, der göttlichen Gnade allein ſich hingebenden Glaubens erkennt. Von der Demut in Sachen der Werke, von dem Verzicht auf die eigne Gerechtigkeit, wie ſie unſerem Luther in ſo hohem Grade eigen war, weiß Savonarola nach den angeführten Stellen aus ſeinen Predigten wenig oder nichts; er kann ſich zu dieſer echt evangeliſchen, nicht nur in den Schriften der Apoſtel ausgeprägten, ſondern auch in den Ausſprüchen des Meiſters angedeuteten Lehre nicht bekennen, da er mit dem Syſtem ſeiner Kirche, das ihm als der getreue Ausdruck der Bibellehre gilt, noch feſt ver⸗ wachſen iſt. Er kommt nicht über eine geſetzliche Auffaſſung des Chriſtentums hinaus, ſo ſehr er auch gegen das Ceremonienweſen ſeiner glaubensarmen Zeit eifert. Er kämpft zwar wider die damals verderbte Kirche, die ihm als ein Zerrbild der apoſtoliſchen Idealkirche je länger je mehr erſcheint; aber immer bleibt er auf dem Boden der römiſchen Kirche. Er will nicht mit ihr brechen; er hält eben eine Reform auf dem Boden ihres Dogma's, das gerade in der Lehre von der Rechtfertigung nicht evangeliſch war, ja im Laufe der Zeit ſich höchſt unevangeliſch ausgeſtaltet hatte, für möglich. Hätte er, was er leider nicht gethan, ſeine Stellung in der heiligen Schrift allein geſucht und gefunden, wäre ihm zum klaren Bewußt⸗ ſein gekommen, daß die Tradition nicht ſowohl neben die Schrift, als vielmehr über ſie ſich geſtellt hatte, ſo würde er wie zur Erkenntnis der Irrtumsfähigkeit der Kirche, ſo auch zur echt evangeliſchen Heilslehre fortgeſchritten ſein. Zu dieſer Conſequenz in Sachen des Dogma's fortzuſchreiten war ihm nicht vergönnt, wie denn die Reformation, die ihm vorſchwebte, zunächſt nur eine auf Verbeſſerung der Sitten und Ver⸗ faſſung gerichtete geweſen iſt.
Trotzdem kann und darf nicht geleugnet werden, daß im weiteren Verlaufe ſeines Kampfes mit Rom und den glaubens⸗ und kirchenfeindlichen Mächten ſeiner Zeit ſich ein Fortſchritt in der Heilserkenntnis und insbeſondere in der Lehre der Rechtfertigung bei ihm zeigt. Dies bezeugen die im Kerker verfaßten Meditationen über die Pſalmen 31 und 51.¹) In dieſen beiden Schriften ſieht er, da er von allen ſeinen Anhängern verlaſſen iſt und bei Menſchen keinen Troſt mehr zu finden hoffen darf, von aller eignen Ge⸗ rechtigkeit ab und hofft nur noch auf die göttliche Gnade.„Bald werde ich erlöſt ſein aus aller Trübſal, nicht durch mein Verdienſt, ſondern durch deines, o Herr. Ich preiſe nicht meine Gerechtigkeit, ſondern ich ſuche deine Gerechtigkeit. Die Phariſäer rühmten ſich ihrer Gerechtigkeit, darum erlangten ſie nicht die Gerechtigkeit Gottes, die der Menſch nur„aus Gnaden“ empfängt. Niemand wird je vor Gott gerecht ſein, nur weil er die Werke des Geſetzes gethan hat... Der Glaube iſt ein Geſchenk Gottes und wird nicht erlangt durch unſere Werke, auf daß niemand ſich rühme“. Wer dieſe Worte lieſt, wird erſtaunt ſein über die evangeliſche Geſinnung des Mönchs. Eine treffendere Beſtätigung der Lehre von der Recht⸗ fertigung durch den Glauben aus dem Munde eines ſeiner Kirche treu ergebenen katholiſchen Prieſters dürfte es nicht leicht geben.—
Zwar wird auch in Hinſicht auf dieſe merkwürdigen Ausſprüche(insbeſondere von dem neuſten Biographen) geltend gemacht, daß Savonarola an nichts weniger als daran gedacht habe, die menſchliche Mitwirkung bei der Erlangung der Seligkeit als machtlos hinzuſtellen, indem vielmehr die Werke und Ceremonien von der größten Wichtigkeit für ihn ſeien; aber dies ſcheinen mir nur vergebliche Bemühungen, dieſe Bekenntniſſe des Priors ihres evangeliſchen Charakters zu entkleiden und ihm den Ruhm zu nehmen, für die Grundlehre der Reformation, wenn auch unbewußt, ein überraſchendes Zeugnis abgelegt zu haben.—
z) Villari II. 284; vgl. auch die Werke von Meier und Rudelbach.


