hinausgetreten vor die Welt, um ſie auf den Heilsweg, den er ſelbſt gegangen, zu führen. Er mußte reden von dem, was in ſeiner Seele wie ein Feuer brannte, von der ſeligmachenden Kraft des Gotteswortes und von der fröhlichen Zuverſicht, die der Glaube an die Gnade Gottes wirkt. Beides hat Luther in die Gebiete ſeines deutſchen Volkes ausſtrömen laſſen, und in ſeinem mit Liebe geparten Heldenmute iſt er der Kirche Roms, die eben dieſe Liebe und das Erbarmen mit dem der evangeliſchen Wahrheit entfremdeten Volke nicht beſaß, entgegengetreten, um, mit der Waffe des Gotteswortes ausgerüſtet, ſie zu erneuern. Das Bewußtſein, daß ſein perſönliches Chriſtentum aufgebaut ſei auf den Grund des Evangeliums Jeſu Chriſti, gab ihm den Mut, die 95 Theſen zu veröffentlichen, in denen er zunächſt nicht gegen den Papſt und die römiſche Kirche auftrat, die aber ſchon die beiden Hauptgrundſätze der Reformation, wenn auch noch nicht mit der Beſtimmtheit, wie das in der an Leo X. geſandten Rechtfertigungsſchrift geſchah, aus⸗ ſprechen. In dieſen Sätzen liegt die Reformation gleichſam in nuce zuſammengefaßt vor uns, der Luther des feſten Glaubens an die weltüberwindende Macht des Gotteswortes, des demütigen Vertrauens auf die göttliche Gnade, die den Sünder rechtfertigt, der Luther der männlichen That, der auf ſeiner ihm von Schrift und Gewiſſen vorgezeichneten Bahn unentwegt und unbekümmert um die Gunſt oder Ungunſt der Welt von Erkenntnis zu Erkenntnis, von Reform zu Reform fortſchreitet, tritt uns aus den Theſen, wenn auch noch in ſchwachen Umriſſen, entgegen.
Wie ſtand Savonarola zu der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben?—
Seine Predigten, in denen er ja ſeine religiöſen Anſichten faſt ausſchließlich vortrug, namentlich die Adventspredigten des Jahres 1493, geben uns hierüber Aufſchluß. In dieſen Predigten ſpricht er zu⸗ nächſt vom Glauben.„Der Glaube iſt ein Geſchenk Gottes, das der Herr zum Heil der Gläubigen ver⸗ leiht, ein übernatürliches Geſchenk, das von oben herab in des Menſchen Seele gegoſſen wird. Nur der empfängt es, welcher ſein Inneres dazu vorbereitet und ſich vor Gott demütigt“. Auf die Frage, woher es denn komme, daß des Menſchen Natur das ihm vorgeſteckte Ziel nicht von ſelbſt erreiche, ſowie darauf, warum nur einige auserwählt würden, andere aber nicht, antwortet er:„Die Sachen des Glaubens muß man mit dem Lichte des Glaubens zu verſtehen ſuchen, nach Anleitung der Schrift. An den Auserwählten beweiſt Gott ſeine Barmherzigkeit, an den Zurückgewieſenen ſeine Gerechtigkeit. Wenn du aber fragſt: „Warum hat Got t dieſen prädeſtinirt, den andern nicht, ſo antworte ich dir: weil Gott es will. Eine andere Antwort gibt es nicht“. ¹)
Der Glaube iſt ihm aber, trotzdem er ihn jederzeit als eine Gabe der göttlichen Gnade preiſt und Pelagius gegenüber betont, daß uns Gott nicht wegen vorhergegangener Werke und Verdienſte die Gnade gibt, und wir deshalb zum ewigen Leben prädeſtinirt ſind, keineswegs das einzig wirkende Medium bei der Rechtfertigung; er betont vielmehr die Notwendigkeit der guten Werke und die Mitwirkung des Menſchen bei der Gnade, die dennoch ein freiwilliges Geſchenk des Herrn ſei. Er ſagt,„daß wir uns vorbereiten können und müſſen, dieſes Geſchenk des Glaubens und der Gnade zu empfangen; denn dasſelbe werde keinem verſagt, der ſich ernſtlich darum bemühe“. Nach dem Glauben ſtreben, beten, Gutes thun, das ſind ihm die notwendigen Bedingungen, unter welchen der Chriſt der Gnade teilhaftig wird.„Der Menſch muß bei dem Akte der Rechtfertigung mitwirken und ſeinerſeits thun, was er vermag; an Gott wird es ihm ſchon nicht fehlen“. ²) An einer anderen Stelle nennt er die Seligkeit den Lohn der tugendhaften Handlungen, und in ſeinen Predigten aus der erſten Zeit ſeines Wirkens bekennt er ſich unumwunden zu dem Semipelagianismus der römiſchen Kirche.—
1¹) Villari I. 123 ff. ¹) Villari a. a. O.


