Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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gezeichnet hat, und was niemand, der die Erfüllung des von dem Dichter im Tone der Weisſagung ver⸗ kündeten Eintritts der religiöſen Erneuerung der Welt bedenkt, kurzweg für das Erzeugnis einer krankhaft erregten Phantaſie erklären wird, das konnte auch ein ſo hochbegabter, gottbegeiſterter Menſch wie der Mönch von Florenz im Geiſte vollendet vor ſich ſtehen ſehen. Auch außerhalb des religiöſen Lebens ſind Viſionen vorgekommen. So hätte, nach dem Urteil Michel Angelo's, Johann von Fieſole ſeiner Dar⸗ ſtellung der Maria im Momente der Verkündigung den überirdiſchen Ausdruck, den dieſelbe an ſich trägt, unmöglich verleihen können, wenn er nicht einer Ekſtaſe gewürdigt worden wäre. Paläſtrina hat von einer ſeiner beſten Compoſitionen geſagt, daß er ſie vorſingenden Engeln nachgeſchrieben habe, wobei er freilich die himmliſchen Töne in die irdiſchen gleichſam überſetzen mußte. Auch Händel hat von ſeinem Meſſias geſagt, er wiſſe nicht, ob er ſich bei Bearbeitung desſelben, insbeſondere des Hallelujachores, im Leibe oder außer dem Leibe befunden habe.

Ähnliche ekſtatiſche Zuſtände, die ſich ſeit ſeinem Verkehr mit einem ſomnambulen Mönch namens Maruffi vermehrt haben ſollen,) hat auch der Prior von St. Marco gehabt. Aber wenn ſich auch manche ſeiner Viſionen pſychologiſch erklären laſſen, ſo war doch der feſte Glaube an ſie, ſowie der Umſtand, daß er ſeinen Traumgebilden und Erſcheinungen, auch den ſeltſamſten, bindende Kraft zuſchrieb und ſie als unmittelbar von Gott kommende hinſtellte und ſie ſo zu ſagen, über das geoffenbarte Gotteswort erhob, eine Schwärmerei, vor der ihn ſeine Kenntnis der Schrift, in die er doch tief eingedrungen war, hätte bewahren ſollen.

Aber nicht nur in den ihm gewordenen Offenbarungen und Viſionen ſucht und findet Savonarola einen Halt, ſondern er war auch überzeugt, daß Gott durch ſichtbare Zeichen für ihn eintreten werde. Legt er durch dieſe in ſeinen Predigten wiederholt ausgeſprochene zuverſichtliche Hoffnung einerſeits von dem an ſeiner angeblich göttlichen Miſſion in ihm aufſteigenden Zweifel Zeugnis ab, ſo beweiſt ſein Rechnen auf das Mirakel andrerſeits, daß ſeine religiöſe Wirkſamkeit nicht die tiefen Wurzeln geſchlagen hatte, die er von ſeiner ſelbſtloſen und hingebenden geiſtlichen Thätigkeit zu erwarten berechtigt war. Es war dieſes Rechnen auf den Eintritt des für ihn geſchehenden Wunders eine notwendige Folge ſeines Glaubens an ſeine göttliche Sendung. Ein ſichtbares Wunder ſollte ihn als den von Gott geſandten Propheten erweiſen und das Volk von Florenz zur Anerkennung ſeiner Lehre, als einer göttlichen, bewegen. Wenn er ſich auch in ſeinen Ausſprüchen über das eintretende Wunderzeichen nicht immer gleich bleibt, wenn er auch einmal mit Bezug darauf ſagt:Wir fordern die Menſchen auf, rechtſchaffen zu leben, und dazu bedarf es des Feuers der chriſtlichen Liebe und des Wunders des chriſtlichen Glaubens; alles ander iſt nichts nütze, ſo beharrt er im großen Ganzen bei der Meinung, daß die Zeit komme, da der Herr übernatürliche Zeichen für ihn thun werde. Aber gerade ſein Prophetentum und ſein feſter Glaube an das Wunder, das Gott zur Beglaubigung ſeiner Stellung verrichten werde, haben ihn zu Fall gebracht.So leicht, ſagt Böhringer treffend,das Volk ſich hatte überzeugen laſſen, er ſei ein wahrer Prophet Gottes, ebenſo leicht, als einmal die Wage auf die Seite der Gegner neigte, ließ es ſich bereden, er ſei ein falſcher Prophet, und es ſei von ihm betrogen worden. Dieſe Anſicht machte ſich bei der Feuerprobe in einer für ihn verhängnisvollen Weiſe geltend. ²)

Verſuchen wir es nun, dem bisher dargeſtellten Entwicklungsgang des Savonarola denjenigen unſeres Luther vergleichend gegenüber zu ſtellen und zunächſt zu zeigen, worin er den Halt für ſein an Stürmen ſo reiches Leben fand.

Luther war in der Zuverſicht, daß ihm die Kirche die volle Wahrheit darreiche und ihm die Ge⸗

¹) Villari a. a. O. ²) Vgl. darüber Villari II.