Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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wißheit ſeiner eigenen Seligkeit gewährleiſte, in das Kloſter gegangen. Aber trotz alles Gehorſams gegen die Vorſchriften der Kirche finden wir ihn in der größten Gewiſſensnot. Je länger ſeine Seelenkämpfe dauern, deſto mehr fühlt er, daß er einer höheren Autorität bedarf, die ihn mit der freudigen Zuverſicht erfüllt, daß der Gott, zu dem er mit der ganzen Inbrunſt ſeines Herzens gebetet, ein Gott der Gnade und Barmherzigkeit ſei, die auch ihn, den von ſeiner Unwürdigkeit durchdrungenen Mönch, in das Reich der Gnade aufgenommen habe. Die Gewißheit ſeiner eignen Seligkeit findet Luther allein in dem Worte Gottes. Er verwirft im Gegenſatz zu dem italieniſchen Mönch das Wunder, welches dieſer zur Be⸗ kräftigung ſeiner Stellung und Wirkſamkeit erwartet, und ſagt, daß wir, nachdem Chriſtus durch ſein Wort und Beiſpiel nicht allein, ſondern auch vermöge der ihm innewohnenden göttlichen Kraft Wunder gewirkt, derſelben nicht mehr bedürfen. ¹) Ebenſowenig ſucht er ſeinen Halt in Viſionen und ihm angeblich zu teil gewordenen beſonderen göttlichen Offenbarungen.Die Geſichte, ſagt er,erſcheinen, nach dem die Leute geſinnt ſind im Herzen, ſie ſind ihm, da ihnen jede objektive Beſtimmheit abgeht, geradezu ſataniſchen Urſprungs.²) Auch nimmt er für ſich keine höhere Würde in Anſpruch; er hat vielmehr eine ſehr geringe Meinung von ſeiner eignen Kraft und weiß, daß es nur Gottes Gunade iſt,(die ſich in ſeiner Schwachheit mächtig erweiſt) wenn er vermöge der ihm zugewogenen großen Geiſtesgaben eine unvergleichliche Wirk⸗ ſamkeit entfalten darf. Über die Herrlichkeit des göttlichen Wortes, als derwahren Heilsquelle für die Seele, hat nicht leicht ein anderer Gottesgelehrter trefflichere Ausſprüche gethan, als der deutſche Refor⸗ mator.Das Wort Gottes, ſagt Luther,hat viele Namen in der Schrift um ſeiner unzähligen Tugenden und Werke willen; denn es iſt fürwahr aller Dinge mächtig und allmächtig. Es heißet ein Licht, ein Brod, ein Morgenregen, ein Abendregen, ein himmliſcher Tau, Gold, Silber, Arznei, Kleid, Schmuck. Alſo heißet es auch ein geiſtlich Schwert, daß man dem Teufel und allen geiſtlichen Feinden damit wider⸗ ſteht. Denen gegenüber, die noch anderer Autoritäten in Sachen des Glaubens nicht meinen entraten zu können, ſagt er:In dieſem Leben können wir Gott nicht anders anſehen noch erfaſſen, denn durch ſein Wort. So müſſen wir denn gewiß ſein, daß die Seele kann keines Dinges entbehren, ohne das Wort Gottes, und ohne das Wort Gottes iſt ihr mit keinem Dinge geholfen; wo ſie aber das Wort Gottes hat, bedarf ſie keines anderen Dinges mehr; ſie hat in dem Worte Gottes genug. Herrlich iſt auch die Erklärung des 23. Pſalms, wo ſich Luther über die Schrift alſo vernehmen läſſet:In allerlei Trübſal, Ängſten und Nöten, geiſtlich und leiblich, wenn ich nirgend weiß Hilfe und Troſt zu finden, ſo halt ich mich zum Worte der Gnaden; da allein und ſonſt nirgend finde ich rechten Troſt und Er⸗ quickung....

Nur weil ihm das Wort Gottes alles das darbietet, was er für ſeine Seele bedarf, weil er in ihm den feſten Grund ſeines Heiles findet, glaubt er auch an das Wort Gottes und nicht etwa aus Ge⸗ horſam gegen die Kirche oder auf irgend welche menſchliche Autorität hin. Er ſagt deshalb:Es iſt nicht Gottes Wort, weil es die Kirche ſagt, ſondern, daß Gottes Wort geſagt wird, darum wird die Kirche. Wer das Wort nicht an ihm ſelbſt aufnimmt, der nimmts nimmermehr auf um der Prediger willen. Wer aber dem Worte glaubet, der achtet nicht, wer die Perſon iſt, die das Wort ſaget und hört auch nicht das Wort um der Perſon willen, ſondern er achtet die Perſon um des Wortes willen. Das Wort Gottes iſt ihm der feſte Grund für ſein Seelenheil, es iſt ihm die unerſchöpfliche Troſtesquelle in den Anfechtungen des Lebens, und zuletzt wird ihm die Schrift zur zweiſchneidigen Waffe, mit der er gegen die entartete Kirche kämpft und dies um ſo erfolgreicher, je klarer ihm der Zwieſpalt vor Augen tritt, in welchen ſie infolge ihres Abirrens vom wahren Heilsweg mit dem Evangelium geraten war.

Im Beſitze dieſes Wortes Gottes, das ihm auch verkündet, daß das durch Chriſtum erworbene Heil allen Menſchen zu gute kommen ſoll, und das ihn ſeiner eignen Seligkeit gewiß macht, verwirft er jede

¹) Köſtlin, Luthers Leben II. 341 f. 249 f. ²) Luthers Werke 42, 160 in der Erlanger Ausgabe.