20 Phantaſie, nein, dann trat er in hochmütiger Selbſtvermeſſenheit aus der ihm zugewieſenen Stellung im Reiche Gottes heraus und leitete das Volk über ſeine wahre Miſſion abſichtlich irre.— Aber ſo wenig auch ſeine Weisſagungen auf unmittelbare göttliche Eingebungen zurückzuführen ſind, ſo beſaß er doch, wie Haſe ¹) mit Recht ſagt, ein geniales Vorgefühl der Zukunft ganz gewiß und zwar in einem nur wenigen Sterblichen eigenen Maße. Man denke nur an jene drei Sätze von dem baldigen Eintritt der Reformation und der damit in Verbindung ſtehenden Züchtigung Italiens, ſowie an die Be⸗ ſtimmtheit, mit welcher er ſeinen Märtyrertod vorausſagt. Sein durch lebendiges ſittliches Gefühl ge⸗ ſchärfter Blick ließ ihn die Geſchicke der Einzelnen und ſeines Volkes beobachten und den weiteren Gang derſelben erraten. Dieſe natürliche Prophetie,„die ihre Stärke in der Ahnung hereinbrechender göttlicher Gerichte, in der Erkenntnis hat, daß an jede ungeſühnte Schuld der Fluch ſich heftet, daß jede auf Lug und Trug gegründete Macht ſelbſt an ihrem Sturze arbeitet, daß alle weltliche Größe und Herrlichkeit hinfällig iſt“, beſaß Savonarola ganz entſchieden, aber nicht mehr als z. B. Huß oder Wicleff, deren ganzes Wirken eine Weisſagung auf die Reformation war, die in Luthers heroiſcher That ſich verwirklichte. Wird alſo Savonarola nach dieſer Richtung hin als ein Prophet bezeichnet, mithin als ein Menſch, der im Be— ſitze der ihm von Gott verliehenen Gabe der genialen Conception war, der die Gabe der Intuition im hohen Grade beſaß, wie ſie dem Dichter, dem Künſtler, dem Helden eigen iſt, der, wie Laſaulx ²) treffend ſagt,„kraft der dem Menſchengeiſt von Natur innewohnenden divinatoriſchen Kraft nicht nur ſeine eigne Zukunft vorempfinden kann, ſondern auch die ſeines ganzen Volkes, indem das, was der Geiſt eines Volkes ahnend in ſich trägt, zum lichten Gedanken ſich verklärt“,— ſo verdient er dieſen Namen mit vollem Rechte. Denn das vermag, wer die Entwickelung Savonarola's aufmerkſam prüft, ſeinen Lebensgang ver⸗ folgt, nicht in Abrede zu ſtellen, daß er einer von den Gottbegnadeten war, wie ſie die Geſchichte uns nur ſelten vorführt, die aber erfahrungsmäßig in Zeiten großer Entſcheidungen oder am Vorabende ſolcher Wendepunkte in der Entwickelungsgeſchichte des Menſchengeſchlechtes auftreten.— Zu den Weisſagungen geſellen ſich bei ihm auch zahlreiche Viſionen, oder vielmehr ſeine Weisſagungen ſind in Viſionen und Bilder der merkwürdigſten und teilweiſe ſeltſamſten Art eingekleidet. Auch hinſichtlich der Viſionen, denen er häufig bindende Kraft zuſchreibt, weil ſie ihm von Gott zu teil geworden ſeien, iſt der Einfluß, den die Offenbarung des Johannes und die Propheten auf ihn ausgeübt haben, nicht zu verkennen. Bald ſieht er— um nur einige ſeiner hervorragendſten Geſichte namhaft zu machen— ein Schwert in der Luft ſchweben, das ſich drohend auf Florenz herabſenkt, bald bietet ſich ein ſchwarzes, mit den Worten„Crux irae Dei“ beſchriebenes Kreuz, welches ſich mitten in Rom erhebt und bis zum Himmel reicht, ſeinen Blicken dar. Die ſeltſamſte aller Viſionen iſt eine Reiſe, die er als Geſandter der Florentiner in den Himmel unternimmt, um Jeſus Chriſtus, dem Könige von Florenz, ſeine Huldigung darzubringen. Die ganze Viſion gilt ihm als eine Bekräftigung und Beſtätigung ſeines Wirkens, als eines ihm von Gott und Chriſtus befohlenen.— In den Viſionen ſtellen ſich ihm ſeine„mächtigen Erregungen, Wünſche und Ueberzeugungen in ſichtbaren Bildern vor ſein ſinnliches Auge“. Sie ſind gewiß zum großen Teil Gebilde ſeiner glühenden, durch Faſten, angeſtrengtes Arbeiten, langes Beten noch mehr aufgeregten Phantaſie, liefern aber, wie Haſe treffend ſagt, gleich den Weisſagungen„den Beweis für die Ergriffenheit ſeines Gemütes von der Wahrheit und Notwendigkeit der Sache, die er vertrat“. Auch bei anderen großen Geiſtern, die die Sache der Religion in den Kreis ihrer Betrachtungen gezogen haben, ſind Viſionen vorgekommen. Ich brauche nur an die in ihrer Art einzig daſtehenden Geſichte des Dichters Dante zu erinnern, mit welchem Savonarola, was Hoheit des ſittlichen Bewußtſeins, was Vaterlandsliebe, Begeiſterung für die Sache der Religion und Erkenntnis der Notwendigkeit einer Reformation der Kirche anlangt, manches gemein hat. Was der Dichtergeiſt in Stunden heiligſter Begeiſterung geſchaut, und was ſein Griffel in unvergleichlicher Weiſe
¹) Siehe Haſe, Neue Propheten. ¹) E. v. Laſaulx: Die prophetiſche Kraft der menſchlichen Seele in Dichtern und Denkern, S. 20 und 43 f.


