weit entfernt, dem religiöſen Leben einen neuen Aufſchwung zu geben, vielmehr darauf ausging, jeden Verſuch zu reformiren mit allen Mitteln geiſtlicher Gewalt niederzuhalten, und dabei dem im Volksleben tiefge⸗ wurzelten Verlangen mit Gleichgiltigkeit begegnete,— wer einer ſolchen Macht gegenüber, ja ihr zum Trotz, eine bald eintretende Reform verkündete und mit dem höchſten Aufgebote geiſtiger und ſittlicher Kraft der Verwirklichung dieſes erhabenen Zieles zuſteuerte, der mußte nicht nur einen felſenfeſten Glauben an die Wahrheit und unverwüſtliche Jugendkraft des Evangeliums beſitzen, dem mußte auch ein Geiſt inne⸗ wohnen, der ihn befähigte, die Erſcheinungen der Gegenwart ſchärfer als andere Menſchen zu beob⸗ achten und aus ihnen die Zukunft herauszuleſen. Eine ſolche Perſönlichkeit war H. Savonarola ganz entſchieden.
Wenn nun eine Gleichſtellung des Frate mit den bibliſchen Propheten entſchieden abzuweiſen iſt, ſo liegt noch immer die Frage vor, wie er trotzdem zu der Anſicht gekommen, ein Prophet zu ſein? Die Offenbarung und die Propheten zogen ihn nicht nur wegen ihres gewaltigen religiöſen und moraliſchen Inhaltes mächtig an, ſondern auch die kühnen Bilder und Viſionen jener Seher machten auf den mit reicher Phantaſie begabten Italiener einen unbeſchreiblichen Eindruck. Er las die Schriften wieder und immer wieder, und je tiefer er ſich in ſie verſenkte, deſto mehr wurde ſein Gefühl davon ergriffen, deſto reichere Nahrung zog die ihm eigene glühende Einbildungskraft daraus. Dazu kam die Einſamkeit des Kloſters, das ſtrenge Faſten und Beten, ſowie das Leſen derjenigen Schriften des von ihm hochgeehrten Thomas, welche ſich auf Eingebungen, Engelserſcheinungen und Weisſagungen bezogen.*) An einem Tage des Jahres 1484 ſchien es ihm, wie er ſelbſt erzählt,„als öffne ſich der Himmel vor ihm, die künftigen Leiden der Kirche offenbarten ſich ſeinen Augen, ²³) und er hörte eine Stimme, welche ihm be⸗ fahl, dieſelben dem Volke von Florenz zu verkünden“. Dies trug dazu bei, ihn in dem Glauben an ſeine höhere Miſſion immer mehr zu beſtärken. Seit dieſer Zeit nahmen ſeine viſionären Zuſtände zu. Er ſelbſt ſpricht ſich über ſeinen„prophetiſchen Charakter“, den er ſich ebenſo häufig beilegt, wie er ihn zurückweiſt, in dem„Dialog über die prophetiſche Wahrheit“?) und in dem„Compendium Revelationum“ ausführlich aus, um nachzuweiſen, daß er göttlicher Mitteilungen gewürdigt und mehr zu ſchauen imſtande ſei als andere, die vielleicht auf dem Wege der Reflexion zur Vorherbeſtimmung der Zukunft gelangten. Aber zur völligen Klarheit über das, was er ſich unter ſeiner prophetiſchen Gabe denke, gelangen wir durch ſeine Auseinanderſetzungen in der bereits genannten Schrift, in welcher er ſich ſelbſt Einwürfe macht, ebenſowenig, als wir der vielfach aufgeſtellten Behauptung, er habe ſich eine Würde beigelegt, darauf be⸗ rechnet, das Volk zu täuſchen, beiſtimmen dürfen. Ein Mann von dem felſenfeſten Glauben an Gott und Chriſtus, von der hohen Sittlichkeit, der ſelbſtloſen Hingabe an das Gemeinwohl, von der flammenden Begeiſterung für die Verwirklichung jenes Reiches Gottes auf Erden, wie es der Heiland verkündet und in ſeiner Perſon in unerreichbarer Weiſe dargeſtellt, ein Mann wie Savonarola, der ungeachtet aller heftigen Widerſprüche und offenen Angriffe mit heldenhaftem Mute und in der unerſchütterlichen Zuverſicht des Sieges der von ihm verfochtenen guten Sache wirkt und kämpft, läßt auch nicht den leiſeſten Zweifel an der Aufrichtigkeit ſeines Wollens und Thuns aufkommen. Dagegen wird nicht zu leugnen ſein, daß er über ſeine göttliche Miſſion in edler Selbſttäuſchung befangen war. Betrachtete ſich indeſſen Savona⸗ rola als einen Propheten im eigentlichſten Sinne des Wortes, alſo als einen von Gott beſonders geſandten Boten an das Volk Italiens oder gar an die Welt des Abendlandes, die er ja immer mit in den Kreis ſeiner auf die Reinigung der Kirche, auf den Sieg der chriſtlichen Idee bezüglichen Betrachtungen herein⸗ zog, ſchrieb er ſich wirklich eine Würde zu, die ihn folgerichtig über die beſtehenden Ordnungen emporheben mußte, ſo täuſchte er ſich nicht nur, ſo war dies nicht etwa nur eine krankhafte Ausgeburt ſeiner erhitzten
¹) Villari a. a. O. ²) Villari a. a. O. ³) Ranke, Savonarola, auch Villari I. 237 und Haſe, Neue Propheten.
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