Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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Von Anbeginn ſeiner Wirkſamkeit beſchäftigte er ſich neben der Apokalypſe des Johannes auch mit Vorliebe mit den Schriften der Propheten. Ihr entſchiedenes Hervorkehren der Notwendigkeit und der ewigen Giltigkeit der unwandelbaren Gottesgeſetze, ihr kühnes Auftreten gegenüber denen, die an dieſem feſten Grunde aller Religion rüttelten und menſchliche Weisheit an die Stelle der göttlichen Wahr⸗ heit ſetzen wollten, aber nicht minder ihre Bußrufe und Strafandrohungen, mußten einen Mann von der Religioſität eines Savonarola, der ja auch wie jene Seher des alten Bundes in einer Zeit tiefen religiös⸗ ſittlichen Verfalls auftrat, mächtig anziehen und ergreifen. Eine Vergleichung jener Zeit mit den gegen⸗ wärtigen Zuſtänden Italiens lag zu nahe, als daß Savonarola, der ein ſcharfes Auge für die Zeiter⸗ ſcheinungen hatte, derſelben hätte ausweichen können. Vielmehr glaubte er gerade die Prophetenworte, welche von den über die Gottesverächter hereinbrechenden Gottesgerichten, aber auch von dem den Buß⸗ fertigen zu teil werdenden Segen und Heil handelten, ſeinen Zuhörern vorhalten zu ſollen, damit ſie daraus erkennen möchten, wie nur echte Religioſität und daraus entſpringendes edles Wollen und Thun die Grundpfeiler des wahren Volkswohls ſeien. Deshalb gründen die Mehrzahl ſeiner begeiſternden und erſchütternden Predigten auf prophetiſchen Stellen. Aus dieſen Schriften las er ſeine Lieblingsgedanken heraus, die in den oben erwähnten berühmten drei Sätzen gipfelten. Dieſe Sätze, die immer wiederkehren und gleichſam das Schiboleth ſeiner Verkündigungen bilden, werden von nun an mit einer ſo großartigen Zuverſicht ausgeſprochen, daß bei ſeinen Zuhörern die Anſicht ſich Bahn brach, es rede hier nicht etwa ein ungewöhnlich begabter Menſch, ſondern eine Perſon, die im Beſitze übernatürlichen Wiſſens ſei. Wer das künftig Eintretende ſo beſtimmt vorauszuſagen, ja in ſeinen Einzelheiten ſo genau zu beſchreiben verſtehe, der müſſe einer beſonderen Erleuchtung gewürdigt, der müſſe ein Prophet ſein. Dieſer Glaube an das Prophetentum Savonarola's wurde weſentlich gemehrt und befeſtigt, als auch die von ihm mit geradezu einzigartiger Gewißheit vorhergeſagten Veränderungen in dem politiſchen Leben der Stadt Florenz eintraten, und als die Wendung aller die Republik bedrohenden Gefahren zur Wahrheit wurden. Und merkwürdig! Dieſer Glaube hatte nicht nur das Volk ergriffen, nein, auch Männer der Wiſſenſchaft und Kunſt, inländiſche und ausländiſche Staatsmänner, die zum Teil auf der Höhe der Zeitbildung ſtanden, und denen Leichtgläubigkeit gewiß nicht nachgeſagt werden konnte,(ich erinnere an Guicciardini, an den franzöſiſchen Geſandten Comines, der ein merkwürdiges Zeugnis für Savonarola ablegt, u. a. ¹), bekannten, daß der Mönch von St. Marco ein Geſandter Gottes ſei.

Zwar ſagt er oft:Ich bin kein Prophet, noch eines Propheten Sohn; aber ich weiß gewiß, daß das, was ich ſage, nicht irren kann. Ein andermal ſpricht er:Deine Sünden, Italien und Florenz, machen mich zum Propheten und ſollten jeden dazu machen! In ſeinen erſten Predigten, in denen jene drei Sätze über die Reform der Kirche vorkommen, finden wir den Anſpruch auf die Gabe der Weisſagung nicht. Vielmehr erſcheinen uns dieſe mit großer Beſtimmtheit ausgeſprochenen, zukünftig eintretenden Ver⸗ änderungen in der Kirche als die Ergebniſſe ſcharfſinniger Kombination und richtige, zugleich aber auch kühne Schlußfolgerungen eines in die Tiefe der Schrift eingedrungenen und weitſchauenden Geiſtes. Ver⸗ kündigungen, wie die genannten, trugen, wenn man die beklagenswerten und auf die Dauer unhaltbaren Zuſtände im kirchlichen und ſtaatlichen Leben Italiens berückſichtigt, durchaus nicht den Stempel des Un⸗ geheuerlichen und Unerhörten an ſich, wieſen aber auch ebenſowenig auf eine außerordentliche, eine göttliche Miſſion des Sprechers hin. Hatten doch ſchon andere große Geiſter Italiens vor Savonarola, namentlich der Dichter der göttlichen Komödie, auf die Notwendigkeit einer Reform der Kirche hingewieſen, ohne den prophetiſchen Charakter ſich beizulegen.

Aber das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts zeigte nicht allein die Verderbtheit der Kirche auf dem Gipfelpunkt, ſo daß eine Reform jedem Einſichtigen nur als eine Frage der Zeit erſchien, ſondern auch die politiſche Uebermacht des Papſttums im hellſten Lichte. Wer einer ſolchen Macht gegenüber, die,

¹) cfr. Villari I. 232 ff.; auch Sismondi histoire des répub. italiennes.