—1
als in ihrer Art muſterhaft erſcheinen. Rechnet man noch den Umſtand hinzu, daß der Prediger tagelang über denſelben Text zu reden vermochte, ohne ſich zu wiederholen, ſo erregt die Geiſteskraft des Bruders unſere gerechteſte Bewunderung. Seine Anhänger in Florenz nannten ihn den erſten Prediger Italiens, während ſeine Gegner die Macht ſeiner Beredſamkeit nicht in Abrede zu ſtellen vermochten.— Höchſt un⸗ angenehm berührte dieſe neue Art zu predigen den Beherrſcher von Florenz. Dieſen ſchonte der Mönch ebenſowenig wie die übrigen Großen des Staates— ſah er doch in ihm eine der Haupturſachen des religiös⸗ſittlichen Verfalls im Volksleben, ſowie den Unterdrücker der Florentiniſchen Selbſtſtändigkeit und Freiheit, die einſt den Grund zur Größe der Stadt gelegt hatte. Lorenzo, zu deſſen hervorragendſten Eigenſchaften genaue Menſchenkenntnis gehörte, fühlte aus den Reden des Bruders, über deren eigentüm⸗ lichen Inhalt ihm befreundete Männer die eingehendſten Mitteilungen machten, ſofort die ungewöhnliche Begabung und Bedeutung des Mannes heraus und ſuchte ihn ſich geneigt zu machen.*) Aber weder die Freundlichkeit des Fürſten, noch deſſen Drohung bewogen den Mönch, von dem einmal betretenen Wege abzuweichen; vielmehr lehnte er jede Verſtändigung mit dem Mediceer ab und ſagte deſſen Abgeſandten, die ihn zu maßvollerer Handhabung ſeines Predigtamtes zu bringen ſuchten, daß er das ihm in Ausſicht geſtellte Exil nicht fürchte, wohl aber beſtimmt wiſſe, daß Lorenzo Florenz vor ihm verlaſſen werde. Selbſt als Savonarola zum Prior von St. Marco erwählt worden war, in welcher Eigenſchaft er einem alten Herkommen gemäß einer perſönlichen Begegnung mit Lorenzo ²) nicht hätte ausweichen dürfen, weigerte er ſich entſchieden dem Herrſcher ſich vorzuſtellen, obgleich dieſer ein Zuſammentreffen mit dem damals ſchon einflußreichen Frate in geradezu auffälliger Weiſe ſuchte. Savonarola wollte eben— und das kennzeichnet ſeinen demokratiſchen und zugleich ſtreng prieſterlichen Standpunkt— ſich dem von ihm als Tyrannen be⸗ trachteten Fürſten nicht beugen, ſondern ſtützte ſich einfach darauf, daß er von Gott zu ſeinem Amte berufen und von den Mönchen ſeines Ordens geſetzmäßig erwählt worden ſei. Trotzdem kam es zwiſchen beiden Männern, von denen der eine die hohe geiſtige Begabung des anderen wohl zu ſchätzen wußte, zu keinem offenen Bruche, ſei es, daß der Fürſt ſich vor der gewaltigen Perſönlichkeit des Priors beugte, ſei es, daß er dem Anſehen, welches dieſer in ſeinem Orden und beim Volke genoß, durch gefliſſentliche Schonung ſeiner Eigentümlichkeit Rechnung trug. In einer ernſten Stunde trafen beide noch einmal zuſammen. Es war kurz vor ſeinem Tode, als der Fürſt den Bruder zu ſich entbieten ließ, damit er Abſolution und Segen von ihm empfange. Der Mönch erſchien und zeigte ſich auch bereit, dem Verlangen des Sterbenden zu entſprechen, wenn dieſer ſeine Sünden aufrichtig bereue, das Gut, deſſen er ſich auf ungerechte Weiſe be⸗ mächtigt, zurückzuerſtatten und endlich Florenz in den Beſitz der alten Freiheit wieder einſetzen wollte. Die Weigerung Lorenzos, der letzten Forderung des Prieſters zu entſprechen, ſoll dieſen veranlaßt haben, von ihm zu ſcheiden, ohne die Abſolution erteilt zu haben. ⁴)
Der Tod Lorenzo's veranlaßte den kühnen Mönch keineswegs in ſeiner auf die Erneuerung der Kirche gerichteten Thätigkeit nachzulaſſen; vielmehr ward die bald darauf eintretende Veränderung in der Regierung der Stadt, ſowie die Wahl R. Borgia's zum römiſchen Pontifex ein neuer Sporn für ihn, die Bevölkerung ſeiner zweiten Vaterſtadt von dem in Kirche, Staat und Geſellſchaft herrſchenden grenzenloſen Verderben fort und fort zu überzeugen und ſeine gewaltigen Bußpredigten fortzuſetzen.— Hatten dieſe bisher durch die ungemeine Kraft des Ausdrucks, die Lebendigkeit der Darſtellung, ſowie durch den Hinweis auf die unausbleiblichen Strafgerichte des Herrn allerorten einen tiefen Eindruck hinterlaſſen, ſo riſſen ſie zur Bewunderung hin, als der Prediger erklärte, er rede im beſonderen Auftrage Gottes, der ihn zu dem Florentiniſchen Volke geſendet habe.*)
1) Siehe Villari I. 95 ff., auch Stahr a. a. O.
²) Villari I. a. a. O.
²) Villari I. 109 und Ranke in den Analekten zu ſeiner Biographie Savonarola's. ¹) Ranke, Savonarola S. 228.— Villari I. 232 ff.


