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Länge der Arche bedeutet in dieſer großartigen und ihrer Art einzigen Allegorie den Glauben, ihre Breite die chriſtliche Liebe und ihre Höhe die Hoffnung. Jeden Tag fügt er ein neues Brett hinzu, d. h. er ſtellt täglich eine neue Forderung an den tugendhaften Wandel ſeiner Gemeinde, der er nach Vollendung der Arche zuruft:„Jeder eile, in die Arche des Herrn einzutreten. Noah ladet heute alle ein, die Thür ſteht offen; aber es kommt die Zeit, da ſie verſchloſſen ſein wird und viele bereuen werden, nicht einge⸗ treten zu ſein“. ¹)
So fährt er acht Jahre fort die Schrift auszulegen, und mit ſeinem mächtigen Worte verſteht er es die Gemüter bald bis ins innerſte Mark erbeben zu machen, bald ſie aufs tiefſte zu rühren und in ihnen nicht nur fromme Gefühle wach zu rufen, ſondern ſie auch zur ſittlichen That zu bewegen. Mancher vornehme Florentiner, den nicht etwa das Verlangen nach den Tröſtungen der Religion, ſondern vornehm⸗ lich die Neugierde in den Dom getrieben hatte, ging erſchüttert aus der Kirche weg: die Predigten des Mönchs hatten einen Stachel in ihm zurückgelaſſen, gegen den er ſich vergeblich ſträubte. Für Manchen ward das in die Tiefen des Herzens dringende Wort des Priors der Anſtoß zu ſeiner Bekehrung. Philo⸗ ſophen, Dichter und Künſtler ſaßen zu ſeinen Füßen und vergaßen hier, gebannt durch das mächtige Wort des Mönchs, ihre frühere Beſchäftigung.*) Ihr bisher der heiteren Kunſt gewidmetes Leben erfuhr eine ungeahnte Umwandlung. Dies alles geſchieht in einer Stadt, deren Bevölkerung den Wahrheiten der chriſtlichen Religion gleichgiltig, wenn nicht gar feindſelig gegenüberſteht, die ihre geiſtige Nahrung faſt ausſchließlich aus den Werken der Alten zieht, während ſie die Lehren der Kirche mit vornehmer Miene be⸗ lächelt. Die außerordentliche Begabung des kurz vorher noch wenig beachteten Mannes wurde jetzt auch von den Gebildeten anerkannt, welche die Predigten des Bruders zum Gegenſtand eingehender Erörterungen machten. Nicht minder trug, nach dem Urteil der Zeitgenoſſen, der Vortrag des Redners dazu bei, den Eindruck ſeiner gehaltvollen, von evangeliſchem Geiſte angehauchten Predigten zu einem bleibenden zu machen. Kein Wunder alſo, daß er ſchon zu Lebzeiten Lorenzo's die volkstümlichſte Perſönlichkeit war, und ſein Einfluß auf die religiöſen und bürgerlichen Verhältniſſe der Bevölkerung ein maßgebender zu werden anfing.
Aber nicht nur die Erneuerung des chriſtlichen Lebens bildete den Gegenſtand ſeiner zündenden Reden, ſondern der Prediger trug ſeinen Zuhörern auch politiſche Anſichten vor, deren klare, ſtets auf die jeweiligen Bedürfniſſe gerichtete Darlegung das Erſtaunen um ſo mehr erregen mußte, je weniger man vermuten durfte, in dem Prior einen Mann kennen zu lernen, der, obgleich faſt ausſchließlich in ſeiner klöſterlichen Welt lebend, den öffentlichen Zuſtänden durchaus nicht gleichgiltig gegenüber ſtand. Was dieſen Teil ſeiner Predigten anlangt, ſo ergeht ſich der beredte Dominikaner in ihnen nicht etwa in lang ausge⸗ ſponnenen ſpitzfindigen Deduktionen, ſondern er verſteht es, die in der Staatsleitung vorhandenen Schäden ſo klar darzulegen, Vorſchläge zur Heilung derſelben von ſo praktiſcher Art zu machen, daß man vermuten ſollte, hier ſpreche der durch langjährige Erfahrung geübte und gewiegte Staatsmann und nicht der nur in ſeinem religiöſen Gedankenkreiſe ſich bewegende Prieſter. Savonarola hat eben dem Pulsſchlag des Volkes gelauſcht und iſt mit deſſen Leiden und Bedürfniſſen ſo innig vertraut geworden, daß er in einer allen verſtändlichen, echt volkstümlichen Weiſe zu reden verſteht. Die Predigt, die in Italien lange Zeit vernachläſſigt worden war, gelangte durch ihn wieder zu ihrer vollen Bedeutung im Gottesdienſt. Während die Predigten vieler ſeiner Amtsgenoſſen infolge mangelnder religiöſer Wärme keine nachhaltige Wirkung hervorzurufen imſtande waren, wenn ſie auch durch ihre zierliche Form für den Augenblick ergötzten, war der Erfolg von Savonarola's Predigten in jenen Tagen ein geradezu wunderbarer.*) Wenn auch noch nicht frei von ſcholaſtiſchen Spitzfindigkeiten und Wunderlichkeiten, ſo können ſie hinſichtlich ihres tiefen religiöſen Gehaltes, der Kraft des Ausdrucks, des Reichtums der Phantaſie, der in ihnen herrſcht, auch noch heute
¹) Villari I. 134 f.
²) Villari I. 121 f.
³) Villari a. a. O.


