Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1

Or

lang faſt ohne Unterbrechung und ungeachtet aller Verdächtigungen ſeitens ſeiner Feinde und trotz mannig⸗ facher Beweiſe von Undankbarkeit des Volkes gegen ihn that.

Die Predigten Savonarola's ſind aber auch durch die bewunderungswürdige Anſchaulichkeit der Schilderung ausgezeichnet, ſo daß die in der Bibel berichteten Thatſachen ſich gleichſam vor den Augen der Zuhörer entwickelen und die bibliſchen Perſonen ihnen gleichſam lebend gegenübertreten. Zu der lebensvollen Darſtellung tritt eine reiche Phantaſie, die freilich oft überſprudelt, aber auf der anderen Seite durch weiſe Ver⸗ teilung von Licht und Schatten die lebensvollſten und lebenswahrſten Bilder zu geſtalten imſtande iſt. Ausgezeichnet durch die anſchauliche Erzählung der in der Bibel berichteten Thatſachen, wie durch die meiſterhafte Art der Anwendung auf das Leben ſind die Adventspredigten vom Jahre 1491, unter denen die das Erſcheinen der drei Magier an der Gehburtsſtätte des Heilandes behandelnde vielleicht die erſte Stelle einnimmt. Der Redner beginnt mit einem Preiſe der unendlichen Huld Gottes, die ſich in der Sendung ſeines Sohnes offenbart und fährt dann alſo fort:Wer ſind, die da kommen? Siehe es ſind die Magier, die Chaldäer, es ſind Menſchen, nicht geboren unter Chriſten, nicht getauft, nicht unterrichtet im Geſetz des Evangeliums, Menſchen, welche nimmer die Predigt des göttlichen Wortes hörten. Mitten aus einem verwilderten Volke, fern, aus entlegenen Gegenden, nicht achtend der Gefahren ſind ſie gekommen. Was werden wir, fährt der Prediger fort,dazu ſagen, meine Brüder, was können wir dazu ſagen? O, welch lebendiger Glaube, welch eine erhabene Liebe. Nachdem er von der Herzenshärtigkeit der Juden geſprochen, wendet er ſich zu ſeinen Zuhörern mit den Worten:Was ſiehſt du den Splitter in deines Bruders Auge und gewahrſt nicht den Balken im eignen? und klagt nun ſein Volk des Unglaubens und der Trägheit im Guten in ſchärfſter Weiſe an. ¹)

Zeigt uns dieſes Beiſpiel die geſtaltende Phantaſie des Redners und ſeine ungewöhnliche Dar⸗ ſtellungsgabe in ihrem hellſten Lichte, ſo tritt aus den meiſten übrigen Predigten, namentlich denen über die Arche Noäh, über die Sündflut, ſowie den auf Grund prophetiſcher Stellen gehaltenen, der ganze und volle Ernſt des Bußpredigers hervor. In heiligem Zorn eifert er gegen die Sittenverderbnis der Zeit, gegen die Glücksſpiele, gegen die Hartherzigkeit und den Wucher der Reichen, gegen ihre unmäßige Ver⸗ gnügungs⸗ und Gewinnſucht und mahnt zur Buße und Umkehr. In wahrhaft erſchütternder Weiſe mußten aber diejenigen Predigten wirken, in denen er das infolge der Verderbtheit in Kirche und Staat, des Mietlingsſinnes der um das Wohl und Wehe ihrer Herden unbekümmerten geiſtlichen Hirten, ſowie der Tyrannei der italieniſchen Fürſten gegen ihre Unterthanen unausbleibliche Unglück in Ausſicht ſtellt und die Ankunft desneuen Cyrus, als des Werkzeuges Gottes zur Züchtigung Italiens, weisſagt. Unter dieſen Predigten ſind die beiden, faſt unmittelbar vor dem Einbruch Karls VIII. von Frankreich gehaltenen von beſonderer Bedeutung, da der Prediger in ihnen eine geradezu hinreißende Beredſamkeit entwickelt. Hatte ſchon die erſte Predigtvon dem Schwerte Gottes, das Savonarola in ſeinen Viſionen aus den Wolken herab auf die Erde ſich neigen geſehen, ihres gewaltigen Eindrucks auf die den Dom füllende Volksmenge nicht verfehlt, ſo muß die Wirkung des zweiten Vortragesüber die Sündflut geradezu über⸗ wältigend geweſen ſein. Erzählt doch Pico v. Mirandola, der begeiſterte Anhänger des Frate, daß bei Vernehmung der Textworte:Ecce ego adducam aquas supra terram, ein Schauer ſeine Gebeine ge⸗ ſchüttelt und ihm das Haar emporgeſträubt habe. Dem Erzähler dünkte, er höre die Poſaune des jüngſten Gerichtes, ſo erſchütternde Wirkung machte dieſe gewaltigſte aller Bußpredigten des Dominikaners auf ſein Gemüt.*) In dieſer Predigt, der letzten aus dem über die Arche gehaltenen Cyklus von Kanzel⸗ vorträgen, tritt auch die eigentümliche Auffaſſung und Erklärungsweiſe der Schriftſtellen, von der ſchon die Rede war, beſonders deutlich und klar hervor. Der Redner baut vor den Augen ſeiner Zuhörer eine myſtiſche Arche, in welcher die Bußfertigen Rettung vor der nahenden Sündflut finden ſollen. Die

¹1) Villari, Savonarola S. 103. ²) Villari I. 135 f.