Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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14 Dieſe Auslegungsweiſemußte aber ſchließlich einem bodenloſen Subjektivismus Thür und Thor öffnen, ſo daß der Prediger für jede ſeiner Behauptungen, auch die abſonderlichſten, eine Beweis⸗ und Belegſtelle in der Bibel zu finden glaubte.*) Übrigens rät er in dieſer Beziehung ſelbſt wieder zur Vorſicht, ein Beweis dafür, daß er ſich die gefährlichen Conſequenzen einer derartigen Auslegungsweiſe keineswegs verhehlt.Zur richtigen Erklärung der Bibel gehört Kenntnis der Geſchichte, der Sprache, fortgeſetztes Leſen und innige Vertraut⸗ heit mit der Schrift. ²) Zugleich warnt er, bei der Auffaſſung und Anwendung der Schriftſtellen gegen die Anſichten der Kirche zu verſtoßen und die Schrift zu perſönlichen Zwecken zu mißbrauchen; denn damit würde man die eigne Einſicht an die Stelle des göttlichen Wortes ſetzen.*) Als treuer Sohn ſeiner Kirche erkennt er in der Tradition die der Schrift ebenbürtige Erkenntnisquelle der Wahrheit und zugleich die den Inhalt der Bibel authentiſch auslegende Autorität. Durch ſeine Forderung eifrigen Bibelleſens auch ſeitens der Laien, hat er vielleicht, ohne ſich der Tragweite dieſer ſeiner Mahnung völlig klar bewußt zu ſein, der im 16. Jahrhundert auch in Italien entſtandenen reformatoriſchen Bewegung, die freilich bald gewaltſam unterdrückt wurde, Vorſchub geleiſtet; denn ohne Kenntnis der die Grundlehre der Reformation klar und beſtimmt ausſprechenden Briefe des Paulus wäre eine derartige Regung evangeliſchen Geiſtes nicht wohl möglich geweſen. Trotzdem er die Schrift noch nicht ſo tief wie Luther zu erfaſſen vermag und in den gewichtigen Gegenſatz zur Autorität der römiſchen Kirche und der in ihr geltenden Tradition ſtellt, iſt es ſein unbeſtrittenes Verdienſt, daß er ſie während ſeiner achtjährigen Wirkſamkeit in Florenz wieder zum Fundament der chriſtlichen Predigt gemacht und nichts unterlaſſen hat, die Herzen des Volkes mit der Kraft des göttlichen Wortes zu ſtärken.

Seine Predigtthätigkeit begann Savonarola, deſſen redneriſche Begabung ſeit den erſten erfolgloſen Kanzelvorträgen ſich bedeutend entwickelt hatte, in einem Saale des Kloſters und ſetzte ſie dann im Kloſter⸗ garten fort, bis ihm, als dieſer Raum die Zahl ſeiner Zuhörer nicht mehr faſſen konnte, die Kloſterkirche eingeräumt wurde. Hier verkündete der Prediger auf Grund der Offenbarung des Johannes das Heran⸗ nahen göttlicher Strafgerichte, und immer waren es die drei Gedanken, die Anfang, Mitte und Ende ſeiner Rede bildeten:Die Kirche Chriſti muß erneuert werden, aber ſchwere Strafen werden dieſer Erneuerung vorangehen, und beides wird bald geſchehen!

Die Behauptung von der Notwendigkeit einer Kirchenreform trug an und für ſich den Stempel des Außerordentlichen und Unerhörten nicht an der Stirne denn der Prediger ſprach ja nur öffentlich aus, was in den Herzen vieler Edeln unter ſeinen Zeitgenoſſen als ſehnlichſter Wunſch lebte und jedem tiefer Blickenden als etwas Unausbleibliches erſcheinen mußte; aber die Beſtimmtheit, womit er den Eintritt dieſes Ereigniſſes als nahe bevorſtehend verkündete, ſowie die Ankündigung ſchwerer Schickſale, die Italien treffen würden, erregte bei den Zuhörern ungeheures Aufſehen, ja ſogar Furcht und Angſt.

Es iſt hier wohl der paſſendſte Ort, einiges über die Predigten Savonarola's einzuſchalten und eine oder die andere Probe ſeiner homiletiſchen Leiſtungen zu geben. Die Predigten Savonarola's ſind mit die wichtigſten Quellen, aus denen man eine gerechte Beurteilung des Mannes ſchöpfen kann.*) Zwar darf man an die Kanzelvorträge des großen Florentiners nicht den Maßſtab unſerer Zeit legen; denn ſie bieten neben vielem Vortrefflichen auch manches Wunderliche, bei uns Deutſchen geradezu Unmögliche, das aber der Richtung jener Zeit nicht widerſprach. Im großen Ganzen aber läßt ihr Inhalt in dem Prediger den geborenen Redner erkennen. So einfach und doch ſo warm, ſo voll aufrichtiger Liebe zu dem Volke, ſo voll Teilnahme an deſſen Leiden, aber auch ſo freimütig in der Aufdeckung der ſittlichen Schäden der Gegenwart hat wohl kein Prediger jener Zeit zu ſeiner Gemeinde geſprochen, als Savonarola acht Jahre

¹) Villari I. 91 f.

²) C. Meier, Savonarola; Villari a. a. O. ³) Villari I. 93.

) Siehe Villari I. 99 f.

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