Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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lichen Verderbens, von welchem die Bevölkerung trotz aller Kunſtblüte ergriffen war, am Ende ſeiner Re⸗ gierung von ſeiner ehemaligen Höhe mehr und mehr herab. Zwar verlangte man in manchen Kreiſen nach einer Quelle, aus der man Befriedigung für das religiöſe Bedürfnis ſchöpfen könnte; aber da die ver⸗ weltlichte Kirche ſich nicht fähig zeigte, die trotz aller Bildung in den Gemütern vorhandene Ode und Leere auszufüllen, ſo nahm Gleichgiltigkeit auf der einen, Aberglaube auf der anderen Seite im Volksleben in erſchreckender Weiſe überhand.

Mit ſolchen politiſchen und religiöſen Zuſtänden, mit einem ſo hochbegabten, aber religiös⸗gleich⸗ giltigen Fürſten traf der ſchlichte Dominikanerbruder in Florenz zuſammen. Die Anfänge ſeines Wirkens waren wenig geeignet, ihn zu ermutigen. Nicht nur, daß ſeine in der Kloſterkirche gehaltenen Predigten ihres von ſcholaſtiſchen Beweisführungen ſtrotzenden Inhaltes ¹) wegen eher abſtießen als anzogen, nein auch in ſeiner nächſten Umgebung, unter den Mönchen ſelbſt, fand der tief⸗religiöſe Mann wenig oder gar kein Verſtändnis für die hohen, wichtigen Aufgaben des Ordens, der der Kirche einſt die ausgezeichnetſten Gelehrten gegeben und durch die Predigt unter dem Volke eine höchſt ſegensreiche Wirkſamkeit entfaltet hatte. Statt mit dem Erforſchen der heiligen Schrift ſich zu befaſſen, ſtatt die chriſtlichen Dogmen den dem Chriſtentum feindlich oder gleichgiltig Gegenüberſtehenden zu begründen und zu verteidigen, philo⸗ ſophierten die Mönche faſt ausſchließlich über die Syſteme des Ariſtoteles und Plato, verſuchten ſich gleich den Mitgliedern der Akademie in Nachahmung der alten Dichter und Proſaiker, vergaßen aber in ihren Predigten dem Volke, das ja in die Geiſteserzeugniſſe der Alten nicht einzudringen vermochte, diejenige Speiſe zu bieten, deren es zur Nahrung, zur Kräftigung und zur Erquickung der Seele gerade damals ſo dringend bedurft hätte. Es gab unter den Brüdern von St. Marco ſogar ſolche, die in ihren Predigten geradezu unchriſtliche Ideen laut werden ließen oder chriſtliche Vorſtellungen in das Gewand heidniſcher Mythologie kleideten. ²)

Von tiefſtem Schmerze über dieſe traurigen Wahrnehmungen erfüllt, ſuchte der Mönch nach einem feſten Halte. Er fand ihn in der heiligen Schrift, dem Buche, das ſchon längſt in den Mittelpunkt ſeines geiſtigen Lebens und Schaffens getreten war. In einſamen Stunden, in Tagen der inneren und äußeren Kämpfe, war ſie ihm die Quelle, aus der allein er Troſt und Mut ſchöpfte; zugleich aber bot ſie ſich ihm als die Rüſtkammer dar, aus der er die ſchneidigſten Waffen zu ſeinen Angriffen auf die verweltlichte Kirche und die Sittenloſigkeit ſeines Zeitalters hervorholte.

Aber auch das Volk von Florenz ſollte in dem Worte Gottes die rechte Speiſe für die Seele wieder finden lernen. Die heilige Schrift allein legte er fortan ſeinen Predigten zu grunde und gab ihnen da⸗ durch ein ſpecifiſch chriſtliches Gepräge, während die übrigen Prediger von Florenz, unter denen ſich ein gewiſſer Genazanno der Gunſt der gebildeten Klaſſen in hohem Grade zu erfreuen hatte, die Worte der Schrift gleichſam nur als Motto für ihre geiſtesſprühenden Reden benutzten, im großen Ganzen aber die ſchlichte Bibellehre hinter ſpitzffindigen Auseinanderſetzungen und geiſtreichen Anſpielungen auf Ausſprüche der alten Klaſſiker zurücktreten ließen, ſo daß von religiöſer Erbauung, welche die Predigt wirken ſoll, keine Rede ſein konnte. Von äußerem Schmuck der Rede, von ſklaviſcher Nachahmung der klaſſiſchen Ausdrucks⸗ weiſe, ſowie von jeder Einmiſchung philoſophiſcher Fragen in die Religion ſah Savonarola, wenngleich dem Humanismus und der Philoſophie nicht fremd und feindlich gegenüberſtehend, völlig ab, machte ſich dagegen gleich im Anfang ſeiner öffentlichen Wirkſamkeit zum ſtrengen Geſetz, ſeinen Zuhörern die einfache Bibel⸗ lehre in ungekünſtelter Form vorzutragen.

Die heilige Schrift, die ihm in ihrem ganzen Umfange als das geoffenbarte Gotteswort gilt und in der er den Inbegriff alles Wiſſens ſieht, wird von ihm in eigentümlicher Weiſe ausgelegt. Er nimmt neben dem buchſtäblichen noch einen geiſtigen, einen moraliſchen, allegoriſchen und myſtiſchen Sinn an. ³)

¹) Villari a. a. O. ²) Siehe Ranke, Savonarola. ³) Siehe Villari I. 90 f.