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der erſte Bürger von Florenz gelten, der ſeinen Ruhm darin ſuchte, für die Größe ſeiner Vaterſtadt alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand. Trotzdem duldete er keine Einmiſchung Unberufener in die Re⸗ gierung und wußte jeden Verſuch, die Ordnung des Gemeinweſens durch unerlaubte Agitationen zu er⸗ ſchüttern, mit Kraft zurückzuweiſen. So ſtand Coſimo, den eine wunderbare Verkettung glücklicher Umſtände an die Spitze eines mächtigen Staates gebracht hatte, unangefochten da.
Aber nicht nur als kluger und gewandter Staatsmann ragte er hervor, ſondern er war auch ein eifriger Beſchützer der Künſte und Wiſſenſchaften, die bald zu ſolcher Blüte gelangten, daß Florenz zum geiſtigen Mittelpunkte von ganz Italien wurde. Hier in Florenz hatten die vor dem Schwerte der Os⸗ mannen geflüchteten griechiſchen Gelehrten freundliche Aufnahme und in Coſimo und deſſen Geſinnungs⸗ genoſſen die begeiſtertſten Verehrer gefunden. Wie mächtig der ſchlaue Staats⸗ und Geſchäftsmann von der griechiſchen Philoſophie, namentlich der des Plato ergriffen war, beweiſt die Thatſache, daß er ſich unmittelbar vor ſeinem Ende von dem an der platoniſchen Akademie lehrenden Ficino die Ideen des geiſtes⸗ tiefen Schülers des Sokrates über das„Eine und Unvergängliche“ vortragen ließ. ¹)
Das Werk des von ſeinem Volke geliebten und als Vater des Vaterlandes geprieſenen Herrſchers wurde von deſſen hochbegabtem Enkel Lorenzo il Magnifio(d. h. der Erlauchte) fortgeſetzt. Nachdem dieſer der furchtbaren Verſchwörung der Pazzi, welche die alte Verfaſſung der Stadt wiederherſtellen wollten, glücklich entronnen war, warf er, vom Glück begünſtigt und von dem ihm ergebenen Volke unterſtützt, den Widerſtand ſeiner Gegner nieder und befeſtigte das einigermaßen erſchütterte Anſehen ſeines Hauſes von neuem. Durch geſchickte Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, wie durch ſeine perſönliche Liebenswür⸗ digkeit und Leutſeligkeit ſtand er bei dem Volke in hohem Anſehen. Seine Weisheit und Thatkraft, womit er im Inneren waltete, ſeine Liebe zum Humanismus, die Förderung, welche er Künſtlern und Gelehrten angedeihen ließ, hoben ihn in den Augen der angeſehenen Bürger ſo, daß ihn noch der alte Glanz ſeines Geſchlechts umgab. Jedoch erſchien auch er, gleich ſeinem Großvater, bei Ausübung der Staatsgewalt mehr als der erſte Bürger der Stadt, denn als Fürſt und Herr. Klug hatte er die Gefühle der Bürger ge⸗ ſchont und den Schein der Volksſouveränetät erhalten.— Der äußere Glanz der Arnoſtadt war noch nicht erblichen; ſie war die hohe Schule der bildenden Künſte, die Stätte, an welcher die humaniſtiſchen Studien am herrlichſten blühten. Aber neben jener idealen, durch das Studium der alten Klaſſiker gepflegten Geiſtes⸗ richtung herrſchte in der Stadt Genußſucht und Sittenloſigkeit, welche der Humanismus nicht zu zügeln vermochte. Dazu kam, daß man über der Freude am griechiſchen Altertum die Pflege wahrhaft religiöſen Sinnes und chriſtlichen Wandels verabſäumte. Lorenzo ſelbſt, ein warmer Verehrer Plato’'s und der griechiſchen Philoſophie überhaupt, hatte für die religiöſen Fragen der Zeit wenig Verſtändnis. Die Reli⸗ gion dünkte ihm für die Gebildeten, die ſich an dem reichen Borne der heidniſchen Poeſie und Weltweis⸗ heit labten, unnötig. Dabei fröhnte er jedem Genuſſe und ſchwächte durch Erfindung immer neuer Zer⸗ ſtreuungen, in welche ſich nach ſeinem Vorgange die Bevölkerung hineinſtürzte, die alte Kraft und den Mut des Bürgertums. In dem Taumel der Sinnesgenüſſe vergaß es zugleich auch der alten Selbſt⸗ ſtändigkeit und Freiheit und ertrug willig das Joch, unter welches Lorenzo es immer tiefer beugte.
Der fürſtliche Glanz mit dem ſich Lorenzo umgab, zehrte allmählich das große Vermögen des Hauſes auf; deshalb ſah ſich der Herrſcher genötigt, die Staatseinkünfte für ſich und ſeine Familie zu verwenden. Um die Gefahren, welche ihm infolge dieſer verfaſſungswidrigen Handlungsweiſe drohten, zu beſchwören und ſeine Feinde von Gewaltſamkeiten zurückzuhalten, ſuchte er durch Verbindung mit aus⸗ wärtigen Mächten ſein Haus zu ſtützen. Seine Tochter vermählte er mit einem Verwandten des Papſtes Innocenz VIII., ſeinem Sohne, dem nachmaligen Papſt Leo X., verſchaffte er den Cardinalshut.*) Zwar blieb Florenz unter ſeiner Regierung im Beſitz des Friedens, aber doch ſank der Staat infolge des ſitt⸗
¹) Siehe Ranke, Savonarola S. 30. ²) Villari I., auch Ranke.


