Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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ausſchließlich hingegeben hatte, trat jetzt die heilige Schrift in den Mittelpunkt ſeines geiſtigen Schaffens und ſeines religiöſen Denkens und Lebens, ohne daß er der Beſchäftigung mit Ariſtoteles völlig entſagt hätte, deſſen Schriften vielmehr auf ſeine ſpätere großartige Handlungsweiſe einen nicht zu verkennenden Einfluß ausübten. Je tiefer er aber in die Schrift eindrang, deſto mehr befeſtigte ſich in ſeinem Geiſte die Ueberzeugung, daß eine Reform der Kirche, deren troſtloſer Zuſtand ihm ſchon während der erſten Jahre ſeines Kloſterlebens vor Augen getreten war, notwendig ſei. Wenn er die Gebrechen der Kirche und die Notſtände ſeines Vaterlandes, welches von geviſſenloſen Herrſchern ſeiner bürgerlichen Freiheit beraubt worden war, in den Spiegel des göttlichen Wortes ſtellte, ſo glaubte er, daß die Zeit nicht mehr fern ſei, in der das Feuer des göttlichen Zornes entbrennen und in verderbenbringenden Strömen über das unbußfertige Italien ſich ergießen werde. Was er empfand, ſprach er in dem Gedichtevon dem Untergang der Kirche aus. Die Kirche ſelbſt, welche ſich ihm als eine ſchöne, aber in Gram verſenkte und von Wunden bedeckte Jungfrau zeigt, fragt er, wer ſie in dieſen Zuſtand gebracht habe. Als die Er⸗ ſcheinung auf Rom,die hochmütige Dirne, hinweiſt, bricht er in die Worte aus:Könnte ich dieſe Flügel des Verderbens brechen! Aber die Kirche erwiedert ihm:Du weine und ſchweige, das ſcheint mir beſſer. ¹) Dieſem Gebote getreu, hielt ſich der Mönch abſichtlich zurück, ſo mächtigen Drang zum öffent⸗ lichen Auftreten er auch in ſich ſpürte. Zwar verſetzten ihn ſeine Oberen bald auf die Kanzel; aber die Erfolgloſigkeit ſeiner erſten Predigten ſchien ganz dazu angethan, ihm jede weitere öffentliche Wirkſamkeit zu verleiden und ihn auf ſtilles Arbeiten im Kloſter zu beſchränken.

Da erhielt ſein bisheriger Lebensgang durch ſeine Verſetzung nach Florenz, wo er ſich während eines zwiſchen Ferrara und Venedig ausgebrochenen Krieges ³) ſchon einmal vorübergehend aufgehalten hatte, eine entſcheidende Richtung. Hier in dem weltberühmten Markuskloſter begann das Werk ſeines Lebens.

Florenz, nicht ſowohl durch die Schönheit ſeiner Lage, als vielmehr durch den Zauber, den Kunſt und Wiſſenſchaft über ſie ausgegoſſen hat, die hochberühmte, noch heute von Tauſenden mit Vorliebe auf⸗ geſuchte Hauptſtadt Toskanas, nimmt in der Geſchichte der italieniſchen Staaten des Mittelalters eine wichtige Stellung ein. Aus den blutigen Kämpfen zwiſchen Guelfen und Ghibellinen war Florenz, das faſt immer auf der Seite der erſteren geſtanden, nicht nur ungeſchwächt hervorgegangen, nein, es hatte ſogar an Einfluß gewonnen und eine Stufe der Macht erklommen, von der aus es ihm möglich ward, im Laufe der Zeit eine gebietende Stellung in Italien einzunehmen. Zwar von inneren Kämpfen zwiſchen Bürgertum und Adel, welch letzterer im 14. Jahrhundert von jeder Teilnahme an der Staatsgewalt verdrängt ward, blieb die Stadt nicht verſchont. Aber gerade dadurch gelangte die Verfaſſung mehr und mehr zu allſeitigem Ausbau, und Freiheitsgefühl, Vaterlandsliebe und Bildung entwickelten ſich während dieſes Ringens beider Stände ſo, daß Florenz in der höchſten Blüte ſtand, als die übrigen Städte Italiens, Venedig ausgenommen, bereits ihrem Verfall entgegengingen.*) An dieſer Blüte hatte vornehmlich die reiche Bankierfamilie der Medici hervor⸗ ragenden Anteil. Durch Ausdehnung ihrer Handelsverbindungen nach allen damals bekannten Weltteilen, war ſie zu einem unermeßlichen Reichtum gelangt, der ihr ermöglichte, nicht nur an allen großen Handelsplätzen Vertreter zu unterhalten, ſondern auch Königen und Republiken bedeutende Darlehen zu bieten. Trotz der Be⸗ mühungen des Volkes, ſein altes Recht auf Teilnahme an der Regierung zu behaupten, war es einem Gliede dieſer ebenſo reichen als politiſch klugen Familie um die Mitte des 15. Jahrhunderts gelungen, zu dem fürſtlichen Vermögen auch fürſtliches Anſehen hinzuzufügen, mit anderen Worten: eine Stellung ein⸗ zunehmen, die der eines Monarchen nicht unähnlich war. Dies war Coſimo Medici, der eigentliche Be⸗ gründer der Macht des Hauſes. Zwar wahrte er die republikaniſchen Formen, zwar wollte er nur als

¹) Villari I. 20. ²) Villari I. 26 f. ³) Ranke, Savonarola.

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