Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

Für feingebildet gilt und lebensklug,

Der durch Gewalt und Liſt zu ſiegen weiß, Chriſtum und Gott verachtet

Und ſtets auf ſeines Nächſten Unheil ſinnt. ¹)

Die religiöſe Gleichgiltigkeit eines großen Teiles ſeiner Mitbürger, ſowie offenes Verachten der göttlichen Gebote, mußten dem ernſten Jüngling den Aufenthalt in ſeiner Vaterſtadt nach und nach völlig verleiden. Immer heißer wurde das Verlangen, ſich von einer Welt, in der, wie er ſelbſt ſagt, die Böſen über die Guten emporkommen, während die Tugend unterdrückt wird, zu trennen und in der Zurückge zogenheit über das unchriſtliche Treiben ſeiner Zeit und die unausbleiblichen Folgen desſelben ſeine weh⸗ mütigen Betrachtungen anzuſtellen. Sein Entſchluß ins Kloſter zu gehen iſt ihm aber keineswegs leicht ge⸗ worden. Die Bando, die ihn an das Elternhaus feſſelten, wo ihm namentlich in der Mutter eine treue Beraterin lebte, plötzlich zu löſen, dünkte ihm Verletzung heiliger Kindespflicht. Deshalb kämpfte er einen ſchweren inneren Kampf, und ſeine inbrünſtigen Gebete ſchloß er meiſt mit der Bitte:Herr, thue mir kund den Weg, auf welchem meine Seele wandlen ſoll! ²)

Da wurde er plötzlich aus allen Zweifeln und Schwankungen herausgeriſſen. Die Predigt eines Auguſtiners, die er in einer kleinen Stadt Italiens hörte, namentlich ein in derſelben vorkommendes Schrift⸗ wort, über das er aber jederzeit unverbrüchliches Schweigen beobachtete, ergriffen ihn derart, daß der Entſchluß ins Kloſter zu treten, wo er eine Berührung mit der ſündhaften Welt nicht zu fürchten hatte, von nun an durch nichts mehr zu erſchüttern war! Ohne Vorwiſſen ſeiner Eltern und in deren Abweſen⸗ heit verließ er das Vaterhaus und begab ſich nach Bologna, wo er in das dortige Dominikanerkloſter eintrat. Zunächſt wollte er als Laienbruder dienen, damit er ſich um ſo ausſchließlicher frommen Betrach⸗ tungen hingeben könne. Dieſen ſeinen Schritt rechtfertigte er den Eltern gegenüber in einem längeren Briefe, worin neben den bereits angegebenen Beweggründen noch die merkwürdige Stelle vorkommt, Chriſtus ſelbſt habe ihm dieſen Weg gezeigt, ihn zu ſeinem kämpfenden Ritter berufen.*³)

Iſt die Urſache der Weltentſagung bei Savonarola eine andere als bei Luther, ſo bietet uns das Leben des Italieners im Kloſter von Bologna keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß er von Seelenſtürmen ähnlicher Art wie der deutſche Reformator erſchüttert worden ſei. Wenn gleich auch er ein tiefes Be⸗ wußtſein von ſeiner eignen Sündhaftigkeit gehabt hat, ſo iſt es ihm doch ungleich leichter geworden, den Frieden ſeiner Seele im Kloſter, das er ſelbſt den Hafen nennt, in den einzulaufen ſein ſehnlichſtes Ver⸗ langen geweſen ſei, zu finden. Abgeſchieden von einer ihm wegen ihrer Laſter zum Ueberdruß gewordenen Welt, findet er in einem Leben frommer Beſchaulichkeit, einem Leben ſtrengen Gehorſams gegen die Satzungen der Kirche, einem Leben des ununterbrochenen Gebetsumgangs mit Gott die Ruhe, welche ihn auf dem geräuſchvollen Markte der Welt, inmitten einer feingebildeten Bevölkerung geflohen hatte.

Aber ein ſo reich begabter Menſch konnte in der Unthätigkeit eines beſchaulichen Lebens auf die Dauer keine Befriedigung finden; er mußte vielmehr einen Wirkungskreis ſich ſchaffen, in welchem er die großen Gedanken, die damals ſchon ſein Inneres mächtig bewegten, zum Ausdruck zu bringen vermochte. Dieſer Wirkungskreis eröffnete ſich ihm, als ſeinen Oberen, denen nicht ſowohl der tiefe, aus dem Weſen des Mönchs hervorleuchtende Ernſt, als vielmehr die ungewöhnliche geiſtige Begabung des Bruders auf⸗ gefallen war, dieſen veranlaßten, ſich ganz dem Studium der Theologie zu widmen. Sie ahnten vielleicht nicht, daß ſie damit dem ſehnlichſten Wunſche des Frate, der auch bei ſeinem Unterricht in weltlicher Wiſſenſchaft ſeinen religiöſen Sinn nicht verleugnete, entgegenkamen und ihn ſo auf die Bahn führten, auf der er zum höchſten Anſehen in ſeinem Orden gelangen ſollte. Während er vorher dem Studium der peripatetiſchen Philoſophie und ihres bedeutendſten Kenners im Mittelalter, des Thomas von Aauino, ſich

¹) Siehe Villari I. 11. ²) Villari a. a. O. ³) Villari I. 15 f.