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Aber weder der demütige Gehorſam gegen die Satzungen des Kloſters, noch ein reines Leben vermochten ſeine Angſt vor der Gerechtigkeit Gottes, vor welcher er mit all ſeinen frommen Übungen nicht beſtehen zu können ſich bewußt war, zu beſchwichtigen. Über ſein beſchauliches Leben im Kloſter ſpricht er ſich alſo aus:„Ich bin ein frommer Mönch geweſen und habe meinen Orden ſo ſtreng gehalten, daß ichs nicht ausſagen kann. Iſt je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei, ſo wollte ich auch hineingekommen ſein. Das müſſen mir bezeugen alle Kloſtergeſellen, ſo mich gekannt haben.“„Ich hatte,“ ſagt er mit Bezug auf ſeine Selbſtgeißelungen und Nachwachen,„meinen Leib ſo gemartert und geplaget, daß er es nicht ertragen konnte, dennoch war ich ſo traurig und betrübt, daß ich gedachte, Gott wäre mir nicht gnädig.“—
Was Luthern trotz ſeines gottesfürchtigen Wandels ſo quält und niederdrückt, iſt das Gefühl der allgemein menſchlichen Sündhaftigkeit und das Unvermögen, ſich aus eigner Kraft von ihrem Fluche zu löſen. Wenn er im Beichtſtuhl oder in ſeiner Kloſterzelle oder gegenüber von Staupitz in die Worte aus⸗ bricht:„Meine Sünde, meine Sünde!“, ſo meint er damit nicht ſowohl Thatſünden, von denen er ſich frei weiß, als vielmehr die Sünde an ſich, als den poſitiven Widerſtreit gegen das göttliche Geſetz, als die Macht, der alle Menſchen ohne Ausnahme unterworfen ſind, und die ſie von ihrem Lebensquell, von Gott, ſcheidet.—
Zwar weiſt ihn ein alter Mönch an die Hoffnung auf die Vergebung der Sünden, aber ſeine Seelenſtürme wollen ſich noch nicht legen. Immer kommt er auf den Gedanken an die Sünde, als das im Menſchen herrſchende widergöttliche Princip, als das mit dem„Geiſt im Kampfe liegende Fleiſch“ zurück, von deſſen Gewalt er ſich nicht zu befreien imſtande iſt. Erſt dem Einfluſſe des frommen, gelehrten und milden Staupitz war es zu danken, daß Licht und Troſt in Luthers Seele zurückkehrte. Staupitz be⸗ ſtärkte den ſchwermütigen Mann, in dem Studium der Schriften des Auguſtin und der Myſtiker, die den Mönch bisher ſchon mächtig angezogen hatten, fortzufahren, dann aber wieß er ihn an die Quelle, aus welcher für alle um ihr Heil zitternden Seelen der rechte Troſt fließt.
Ehe wir nun hören, was für eine Quelle es iſt, aus welcher Luther den Troſt für ſeine Seele ſchöpft, müſſen wir nach den Gründen fragen, die den florentiniſchen Mönch zur Weltflucht veran⸗ laßt haben.
Der tiefe Ernſt, der über dem Weſen Savonarola's ſchon frühe ausgebreitet lag und ſich in einem ſeine Gefährten abſtoßenden Widerwillen gegen ſelbſt unſchuldige Jugendfreuden bekundete, ſowie die über⸗ triebene Strenge gegen ſich ſelbſt mußten über kurz oder lang ins Kloſter führen. Zwar lag ihm der Gedanke, ein Mönch zu werden, noch fern, zwar fand er noch Befriedigung in dem Studium der Alten. Aber je aufmerkſamer er die Erſcheinungen der Zeit beobachtete, die trotz ihrer hohen Bildung, trotz ihres friſchen Strebens auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft und Kunſt in Laſter verſunken war, je trauriger ſich die Zuſtände ſeines Vaterlandes geſtalteten, das infolge ſeiner Zerriſſenheit immer mehr an Kraft und Einfluß einbüßte, deſto düſtrer wurde die Stimmung des ſittenreinen patriotiſchen Jünglings.— Der Seelenſchmerz des jungen Mannes gibt ſich in zwei kurz vor ſeinem Scheiden aus Ferrara von ihm ver⸗ faßten Gedichten kund. In dem einen,„Ruina mundi“ überſchriebenen Gedichte gelangt der gerechte Zorn des in ſeinen heiligſten Gefühlen verletzten Patrioten in wahrhaft erſchütternder Weiſe zum Aus⸗ druck. Es lautet:
„Ich ſehe umgeſtürzt die ganze Welt
„Und hoffnungslos vernichtet
„Jedwede Tugend, jede gute Sitte,
„Ich finde keinen, der ſich ſeiner Laſter ſchämt.
„Nur der heißt glücklich, der vom Raube lebt, „Die Witwen und die eignen Mündel plündert,


