Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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8 Erziehung zu erfüllen. Er hörte wohl viel von dem Geſetz und dem ſtrengen und eifrigen Gott, aber kaum etwas von dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit. Gott und Chriſtus wurden ihm nicht anders, denn als ſtrenge Richter vor die Seele geführt. ¹*)

Daß trotz dieſer harten Jugend und trotzdem es die Eltern bei der Erziehung an einem ver⸗ ſtändnisvollen Eingehen auf die Individualität des Knaben faſt gärzlich fehlen ließen, Luther ſich jene Seelenheiterkeit zu bewahren wußte, die ihm ſein ganzes Leben hindurch treu blieb, iſt nur aus der ihm angeborenen Gemütstiefe zu erklären, die uns ihm ſo verwandt fühlen läßt. Die äußere Not des Lebens brachte ihn aber mit dem Volke in die allernächſte Berührung. Die innerſten Bedürfniſſe desſelben hat nicht leicht ein andrer Deutſche jener Zeit genauer erkannt und beſſer zu beurteilen verſtanden, als der thüringiſche Bergmannsſohn, der ja während ſeiner Jugend nichts von dem erfahren durfte, was das Leben angenehm und heiter geſtaltet. Er iſt ein echtes Kind des Volkes und eben deshalb, weil er mit jeder Faſer ſeines Weſens mit dem Volke ſich verbunden fühlt, zum Reformator der Kirche wie geſchaffen.

So verſchieden die Lebensführungen beider großartig angelegten Naturen auch waren, ſo wurden ſowohl der dem Bauernſtande entſproſſene Deutſche, als der aus dem angeſehenen und gebildeten Hauſe ſtammende Italiener dahin geführt, das Leben in der Welt mit dem im Kloſter zu vertauſchen.

Fragen wir zunächſt, was Luther veranlaßte, während ſeines Aufenthaltes in Erfurt, wo er ſich auf den Beruf eines Rechtsgelehrten vorbereitete, in das dortige Auguſtinerkloſter einzutreten, ſo erfahren wir, wenn wir ſein bisheriges Leben in ſeinen einzelnen Stadien verfolgen, daß er zu dieſem für ſeine Zukunft entſcheidenden Schritt von niemand gezwungen oder überredet worden iſt. Sowohl den Vater, der bei aller Frömmigkeit eine unüberwindliche Abneigung gegen das Kloſterweſen hegte, als auch die Freunde Luthers, denen der begabte Lehrer ein der Heiterkeit ſeines Gemütes, ſeiner Offenheit und derben Wahr⸗ haftigkeit wegenlieber Geſelle war, traf die Mitteilung von dem Vorhaben des an der Hochſchule in ſo hohem Anſehen ſtehenden Magiſters wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel. Vergeblich beſtürmten die Freunde unſeren Luther, von dieſem unſeligen Entſchluſſe abzuſtehen, umſonſt war das Zureden des Vaters, der in dem Schritte des Sohnes unverzeihliche Undankbarkeit erblickte. Luther blieb feſt und führte ſeinen Vorſatz auch ſofort aus. Noch an demſelben Abend, an welchem er mit ſeinen vertrauteſten Freunden einige Stunden fröhlichen Beiſammenſeins zugebracht hatte, begab er ſich in das Auguſtinerkloſter. Der Beſchäftigung mit den weltlichen Wiſſenſchaften will er nicht völlig entſagen; denn wenn er auch ſeine juriſti⸗ ſchen Bücher zurückläßt, ſo nimmt er doch den Virgil mit ins Kloſter.²) Zeitlebens redete er der Notwen⸗ digkeit humaniſtiſcher Studien, insbeſondere für den künftigen Gottesgelehrten warm das Wort. Hätte er doch ohne die genaue Kenntnis der alten Sprachen in die Tiefen des Gotteswortes nie eindringen können! Stammt doch von ihm das ſchöne Wort:So lieb uns das Evangelium iſt, ſo hart laſſet uns über den Sprachen halten! Wollte man endlich in perſönlicher Eitelkeit die Triebfeder zu Luthers Scheiden aus der Welt erkennen, ſo würde man der Lauterkeit ſeines Weſens und Strebens in ganz ungerechtfertigter Weiſe zu nahe treten. Daß es Luther mit ſeinem Eintritt ins Kloſter heiliger Ernſt war, beweiſt die Thatſache, daß er ſeinen Magiſterbrief zurückſchickte, alſo hiermit auf eine ehrenvolle Stellung völlig verzichtete.

Die Urſache ſeiner Weltentſagung war vielmehr nichts Geringeres, als das Verlangen nach Ge⸗ rechtigkeit vor Gott, die er nur durch ein heiliges Leben zu erlangen vermeinte, und die Sehnſucht nach dem Frieden ſeiner von Angſt und Zweifel gequälten und zerriſſenen Seele. Von der Ueberzeugung durch⸗ drungen, daß ihm die Welt das nicht bieten könne, wonach er heiß verlangte, und daß ſeine eigne Kraft zu ſchwach ſei, den ſchweren Kampf, welcher ſich in ſeinem Innern erhoben hatte, zu beſtehen, flüchtete er in den Schoß der Kirche, um ſich von ihr den Weg zum Frieden mit Gott zeigen zu laſſen.

¹) Köſtlin, Leben Luthers I. 28. 31. ²) Köſtlin I. 60.