ſich im 12. und 14. Jahrhundert eifrig an dem Kampfe zwiſchen Guelfen und Ghibellinen und trugen, wie es ſcheint, zu der Machtſtellung der erſteren in Italien nicht wenig bei.— Aber neben dem Eifer in kriegeriſchen Unternehmungen bekundeten die Herren von Eſte auch hohen Sinn für Künſte und Wiſſenſchaften, die unter ihrem Schutze zu ſolcher Blüte gelangten, daß Ferrara eine zeitlang mit Florenz wetteifern konnte. So ſtiftete Nicolo III. die Univerſität Parma und berief, um ſeiner Schöpfung eine dauernde Grundlage zu verleihen, die berühmteſten Gelehrten dahin. Unter dieſen befand ſich auch Michele Savo⸗ narola, ein berühmter Arzt jener Zeit, der Großvater Girolamo's. Während der Vater unſeres Mönchs mehr den Genüſſen des Lebens ergeben war und infolge davon ſich um die geiſtige Entwickelung ſeines hoffnungsvollen Sohnes wenig bekümmerte, lebte dieſem in dem Großvater ein treuer Freund und Lehrer. Die hervorragenden Gaben ſeines Enkels zu einer harmoniſchen Ausbildung zu bringen, erkannte er als ſeine Lebensaufgabe; deshalb verwandte er auf den Unterricht des Knaben ganz beſondere Sorgfalt. Schon begann die ausgeſtreute Saat zu keimen, als der Tod dem wißbegierigen Schüler den treuen Lehrer und Berater entriß. Von nun an fiel die Erziehung dem Vater zu, welcher den Sohn in die Schriften des Thomas v. Aquino, des bedeutendſten Scholaſtikers¹), ſowie in diejenigen des Ariſtoteles und des Plato einführte, während der Jüngling in ſeinen Mußeſtunden Zeichnen und Muſik trieb und mit den vater⸗ ländiſchen Dichtern ſich beſchäftigte. Zu den philoſophiſchen Studien geſellte ſich wahrſcheinlich ſchon in Ferrara das eifrige Leſen der heiligen Schrift, mit welcher ihn ſeine reich begabte, tief religiöſe Mutter bekannt gemacht haben ſoll*).
Die äußeren Verhältniſſe, unter denen er aufwuchs, waren durchaus günſtiger Art; der Ernſt des Lebens, die Bitterkeit der Entbehrung, welche ſchon ſo hänfig den Lebensfrühling bedeutender Menſchen verdüſtert haben, traten an ihn in keiner Weiſe heran, vielmehr war ihm durch das, was das Vaterhaus bot, die Vorbereitung auf einen künftigen ehrenvollen Lebensberuf weſentlich erleichtert. Die innige Liebe der Mutter, welche er im reichſten Maße erfahren durfte, konnte auf ſein Gemüt nur in wohlthätiger Weiſe wirken, und ſo wurde ihm das Vaterhaus eine Quelle großen Segens, wie durch den darin herr⸗ ſchenden feinen Ton zu einer Stätte, wo er für die Ausbildung ſeines Geiſtes eine Fülle von Anregung empfing. Auch die Kunſtdenkmäler, mit denen Ferrara geſchmückt war, mußten einen ebenſo erheiternden Eindruck auf ihn machen, wie ſie gewiß auch den Sinn für das Schöne in ihm weckten.
Welcher Art war dagegen das Jugendleben des 1483 geborenen Luther?
Wie faſt die Mehrzahl der Männer von weltgeſchichtlichem Berufe, ſo iſt auch Luther in kleinen un⸗ ſcheinbaren Verhältniſſen aufgewachſen. Frühzeitig wurde er mit der Not und dem Ernſte des Lebens bekannt. Sein Vater, ein armer Schieferhauer, vermochte die Seinigen nur kümmerlich zu ernähren, bis ſich ſpäter, als er nach Mansfeld überſiedelte, ſeine Lage beſſerte. Die Armut, mit welcher er lange zu kämpfen gehabt, hatte in ihm eine Rauheit des Weſens erzeugt, die namentlich den Kindern gegenüber in einer oft ungerechtfertigten Härte ſich äußerte, unter welcher ſie viel leiden mußten. Insbeſondere hat unſer Luther eine ſtrenge, ja überſtrenge Erziehung genoſſen. Um kleiner Vergehen willen wurde er häufig aufs härteſte beſtraft, ſo daß ſich in ſeinem Weſen eine Schüchternheit und Angſt feſtſetzte, die ſpäter, als der Reformator um den Frieden ſeiner Seele rang, noch nachwirkte und manchmal in erſchütternder Weiſe ſich kundgab. Die Eltern aber leitete bei ihrer Strenge eine ſehr wohlwollende Abſicht; nur wußten ſie, wie Luther ſelbſt ſagt, die„ingenia“ nicht zu unterſcheiden und vergaßen nur zu häufig die Milde walten zu laſſen.— Streng, ja hart war auch die Behandlung, die Luther in der Schule zu erfahren hatte. Noch ſpäterhin ſpricht er mit Schrecken von ſeiner Schulzeit in Mansfeld,„da wir gemartert ſind über den casualibus und temporalibus und doch nichts gelernt haben durch das viele Stäupen als Zittern, Angſt und Jammern“. Auch die religiöſen Eindrücke, welche der Knabe im Elternhauſe, in der Schule und Kirche empfing, waren wenig dazu angethan, ihn mit einem herzlichen Vertrauen gegen Gott und die Leiter ſeiner
¹) Siehe Villari I 5 f. ²) Villari a. a. O.


