Aufsatz 
H. Savonarola und M. Luther : nach ihrer Entwicklung und geschichtlichen Stellung betrachtet / von W. Zimmermann
Entstehung
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6 damals den größten Teil der gebildeten Bevölkerung Italiens beherrſchte, lebte in manchen Edeln jener Tage auch das Verlangen nach etwas Höherem, als klaſſiſche Bildung zu bieten vermag: nach Befriedigung des von dieſem glaubens⸗ und ſittenloſen Humanismus mit vornehmer Geringſchätzung belächelten religiöſen Bedürfniſſes, nach einem feſten Halt in den Unbeſtändigkeiten des Lebens, nach kräftigem Troſt in dem allgemeinen Zerfall der Sitten, ſowie der Kraft Italiens, das ja damals der Zankapfel der Fremden war.

Einen gewaltigen Interpreten fand dies ſehnſüchtige Verlangen chriſtlich und patriotiſch geſinnter Männer Italiens in G. Savonarola, dem Prior von St. Marco in Florenz. In flammenden Buß⸗ und Strafpredigten, ähnlich denen der Propheten Israels, zeugte er wider den Frevel des neuen Heidentums und verkündete gerechte Strafgerichte Gottes über den Abfall des Volkes von dem lebendigen Gott. Zu⸗ gleich ſtellte er in ſeinem eigenen Leben die ethiſchen Forderungen des Chriſtentums in der nachahmungs⸗ würdigſten Weiſe dar und wurde ſo für viele ſeiner Zeitgenoſſen ein Vorbild in chriſtlicher Tugend. Seine Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation der Kirche, ſein unabläſſiges Kämpfen für die Verwirklichung dieſer Erneuerung, ſeine Begeiſterung für die Sache der Religion überhaupt, ſein warmes Gefühl für die ſittlich geſunkenen und in religiöſer Unwiſſenheit und Gleichgiltigkeit dahinlebenden Zeit⸗ genoſſen, ſowie ſein erſchütterndes Ende machen ihn der Erinnerung aller Zeiten wert.

Savonarola hat man häufig den Luther Italiens genannt. Wenn ihm auch dieſer Beiname nicht mit vollem Rechte gebührt, indem er eine Reformation für möglich gehalten hat, ohne von dem Boden der römiſchen Kirche ſich zu entfernen, ſo darf er wegen des evangeliſchen Zuges, der durch ſein Weſen und Wirken unverkennbar hindurchgeht, wegen der Kühnheit ſeines Glaubensmutes und ſeiner Feſtigkeit, mit welcher er ſich dem Verderben in der Kirche entgegenſtellte, als einer derjenigen betrachtet werden, die in ihrem Wirkungskreiſe die Reformation am meiſten innerlich vorbereitet und angebahnt haben. So wird, wenn wir weiter den Umſtand in Betracht ziehen, daß er, ähnlich wie Luther, ſeines inneren Gegenſatzes zu dem Papſttum erſt allmählich bewußt geworden iſt(freilich ohne ſich jemals von dieſer Macht zu ſcheiden), eine Vergleichung des Florentiners mit dem deutſchen Reformator nicht ganz ungerechtfertigt erſcheinen. Sie ſoll hier verſucht werden und zwar in der Art, daß der innere Entwickelungsgang beider Männer in den Vordergrund der Betrachtung tritt.

Bevor ich an die Löſung meiner Aufgabe heranzutreten wage, ſei noch kurz auf die Hilfsmittel, die bei der nachfolgenden Darſtellung des den Savonarola betreffenden Teiles dankbar benutzt worden ſind, hingewieſen. Ich nenne zunächſt drei deutſche Lebensbeſchreibungen Savonarola's, da es deutſcher Gründlichkeit Verdienſt iſt, das Wirken des großen Bußpredigers zuerſt in das rechte Licht geſtellt zu haben. Dies iſt geſchehen von Rudelbach, Meier und Haſe, von welchen namentlich letzterer in ſeinenNeuen Propheten ein lebensvolles Bild des merkwürdigen Mannes entworfen hat. Während dieſe drei Biographen den durch das Weſen Savona⸗ rola's hindurchgehenden evangeliſchen Zug mehr oder minder ſcharf betonen, ſucht der neuſte und beſte Biograph des Florentiners, nämlich Herr Profeſſor Villari in Florenz, den ſtreng katholiſchen Standpunkt ſeines Helden zu retten. Das Werk Villari's, das durch Klarheit und Wärme der Darſtellung ſich in hohem Grade auszeichnet, iſt zum richtigen Verſtändniſſe der Perſönlichkeit Savonarola's geradezu unentbehrlich und wurde ſchon um deswillen benutzt, weil es Auszüge aus den wichtigſten Predigten des Priors, den beſten Quellen für eine richtige Beurteilung deſſelben, in reichem Maße bietet. Auch von den Werken Böhringers und Stahrs wurde Einſicht genommen, und endlich durfte die mit bekannter Meiſterſchaft geſchriebene Abhandlung L. v. Ranke's überSavonarola und die florentiniſche Republik nicht unberückſichtigt bleiben.

Werfen wir zunächſt einen Blick auf die Kindheit beider, für dieſelbe große Sache wirkenden Männer! Die Eindrücke, welche Luther und Savonarola auf dem Naturboden, dem ſie entwachſen ſind, von früheſter Jugend an empfangen haben, ſind für ihr ſpäteres Leben in mancher Hinſicht entſcheidend geworden. Hieronymus(Girolamo) Savonarola war im Jahre 1452 zu Ferrara, der einſt prächtigen, am ſüdlichen Ufer des Po gelegenen Reſidenz der Fürſten von Eſte, geboren. Die Fürſten von Eſte beteiligten