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Das 15. Jahrhundert, an deſſen Ende er auftrat, zeigte gerade in Italien mehr als anderswo die Kirche und deren Leiter in dem beklagenswerteſten Zuſtande. Einſt die Trägerin der höchſten Kultur, einſt der Halt für die vor dem Hereinbrechen des Barbarentums zitternde Chriſtenheit, einſt die Pflegerin frommer Sitte und die Geburtsſtätte von Werken echt chriſtlicher Barmherzigkeit, die Zuflucht für die Schwachen am Geiſte, war die Kirche von ihrem erhabenen Ziele weit abgekommen, verweltlicht, der Tummelplatz leidenſchaftlicher Kämpfe geworden, geleitet von Männern, die, weit entfernt, für das geiſtige Wohl des des religiöſen Glaubens und Troſtes in hohem Grade bedürftigen Volkes ihre ganze Perſönlichkeit einzuſetzen, ihren heiligen Verpflichtungen nicht nachkamen, ohne die traurigen Folgen zu be⸗ denken, die eine ſolche Verleugnung ihres ihnen zugewieſenen Berufes für das Volksleben nach ſich ziehen mußte. Was Wunder, wenn in ſolcher Atmoſphäre religiöſe Gleichgiltigkeit auf der einen, völlige Ver⸗ werfung des Chriſtentums auf der anderen Seite gezeitigt und das Heiligſte mit Hohn und Spott über⸗ goſſen wurde!
Zeigte ſich die Kirche in ihrem troſtloſen Zuſtande unfähig, den religiöſen Bedürfniſſen der Zeit Rechnung zu tragen, ſo war es keine unerklärliche Erſcheinung, wenn namentlich in Italien der größte Teil der gebildeten Laien ſeine geiſtige Befriedigung auf einem außerhalb der Kirche gelegenen Gebiete ſuchte. Einen reichen Erſatz für die von den Hütern des Tempels ſelbſt vernachläſſigte Religion ſchienen die klaſſi⸗ ſchen Studien zu bieten, die ſeit der Mitte des 15. Jahrhunderts in Italien Eingang und fruchtbaren Boden für ihre Weiterentwickelung gefunden hatten. Die unvergleichlichen Geiſtesſchöpfungen der Griechen, deren Werke man jetzt in der Urſprache las, ſollten von nun an die Grundlage der allgemeinen Bildung werden, während ſie früher, als die griechiſche Sprache im Abendlande wenig bekannt war, faſt ausſchließlich kirch⸗ lichen und theologiſchen Zwecken gedient hatten. In den zum Zwecke gründlicher Erforſchung des griechiſchen Altertums gegründeten Akademieen erquickte man ſich an dem reichen Borne altklaſſiſcher Poeſie und Philo⸗ ſophie und ſuchte die in dürrer Scholaſtik erſtarrte Wiſſenſchaft des Mittelalters damit zu beleben.— Kein Verſtändiger wird den großen Segen, den die klaſſiſchen Studien der Welt gebracht, niemand die unſchätzbaren Dienſte, die ſie namentlich den Männern der Reformation geleiſtet haben, in Abrede ſtellen wollen. Aber trotz aller Anerkennung, die wir dem Streben jener gewaltigen Uebergangszeit, die Geiſteserzeugniſſe des Altertums zur Grundlage einer edleren Menſchenbildung zu machen, zollen müſſen, dürfen wir auch nicht über⸗ ſehen, daß der Einfluß des italieniſchen Humanismus auf Kirche und chriſtliche Sitte mit dem Segen, den er der geiſtigen Bildung gewährte, nicht gleichen Schritt gehalten hat. Der Kampf gegen die Scholaſtik, die dem im 15. Jahrhundert, dem Zeitalter der Erfindungen und Entdeckungen, mit unwiderſtehlicher Kraft erwachten Drang nach individueller Selbſtſtändigkeit auf geiſtigem Gebiete keinerlei Befriedigung mehr zu gewähren ver⸗ mochte, die Bekämpfung des Aberglaubens und der Unwiſſenheit jener Zeit, war gewiß nur zu rechtfertigen und durfte ſich der Unterſtützung auch derjenigen gewiß halten, die bei aller Treue gegen die Kirche der Er⸗ kenntnis ſich nicht verſchloſſen, daß wahre Geiſtesbildung und chriſtliche Weltanſchauung keine heterogenen Begriffe ſeien. Aber der italieniſche Humanismus nahm im Gegenſatz zu dem deutſchen, der ſich im ganzen mit den religiöſen und kirchlichen Intereſſen verband, zu dem Chriſtentum eine meiſt gleichgiltige Stellung ein, ja, bei vielen freien Geiſtern jener Tage führte die Freude an den Werken der Alten zur Leugnung der chriſtlichen Wahrheit und zur offenen Verachtung chriſtlicher Sitte. Plato und Ariſtoteles galten den Gelehrten Italiens als ebenſo ſichere Führer zur Wahrheit wie die Bibel; viele Humaniſten erblickten in ihnen ſogar die einzigen Heilsſpender, ohne freilich die ſittlichen Anforderungen, die beide Griechen in ihren Schriften an den Menſchen ſtellen, zu befolgen. Die ernſten Forderungen des Chriſtentums in Hinſicht auf die Heiligung unſeres Lebens war jenen genußſüchtigen Gelehrten, die meiſt nur an der ſchönen, vollendeten Form der Hellenenſprache und an der heidniſchen Götterlehre Gefallen fanden, unerträglich; der lockenden Lehre Epicur's und der leichtfertigen Lebensweisheit des Auguſtiſchen Zeitalters zu folgen, dünkte vielen von ihnen eines geiſtig hochſtehenden Menſchen würdiger, als das Leben der chriſtlichen Sittenlehre gemäß zu regeln.— Trotz der eben geſchilderten antikirchlichen und teilweiſe antichriſtlichen Geiſtesrichtung, die


