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ſchon entarteten Hierarchie vorbereitete, hielten alle mit großer Entſchiedenheit an dem Grundſatze feſt, daß das Kaiſertum über dem Regimente des Stuhles Petri, dem nur in geiſtlichen Dingen höchſte Autorität zukomme, ſtehen müſſe.— Eine entſcheidende Wendung vollzog ſich, als Gregor VII. die Tiara erlangte. Dem von dieſem gewaltigen Manne aus ſittlicher Entartung emporgehobenen Papſttum wurde ein Geiſt eingehaucht, der es befähigte, der Hoheit ſeines Berufes ſich wieder bewußt zu werden. Zugleich gelang es dieſem Papſte, die Kirche aus den Feſſeln des Staates völlig zu befreien und den Grundſatz, daß die weltliche Macht der geiſtlichen unterthan ſei, in unerhörter Weiſe zur Geltung zu bringen.
Dieſe völlige Verkennung ſeines eigentlichen Berufes mußte dem Papſttum mit der Zeit kräftigen Widerſpruch erregen und ihm die Kräfte, die dem Dienſte der Kirche ſich bisher willig dargeboten hatten, nach und nach entziehen. Schon unter Innocenz III. zeigten ſich hier und da der Uebermacht des Papſt⸗ tums und der Kirche feindliche Strömungen. Wenn es dieſem gewaltigſten Papſte auch gelang, dieſelben einzudämmen, ſo war damit die Oppoſition nicht tot gemacht; im Gegenteil, das Feuer glomm unter der Aſche fort, und es bedurfte nur einer verhältnismäßig geringfügigen Veranlaſſung, um es zur hellen Lohe emporflammen zu machen.
Der erſte erfolgreiche Widerſpruch des ſeiner Macht immer bewußter werdenden Staates gegen päpſtliche Allgewalt ging von Frankreich aus, wo das Königtum in ſeinem Streben, das Recht des Staates gegenüber hierarchiſchen Uebergriffen zu wahren, namentlich von dem Bürgertum aufs kräftigſte unterſtützt wurde. Philipps des Schönen, des Tyrannen, ſiegreicher Kampf gegen den ſtolzen Bonifacius VIII., die Ohnmacht und Schmach von Avignon, ſowie das das Anſehen der Kirche ſchwer ſchädigende Schisma war auch für die anderen Völker des Abendlandes das Zeichen, das Recht ihrer Nationalität gegenüber hierarchiſchen Anmaßungen zur Geltung zu bringen.—
Der troſtloſe Zuſtand der geſpaltenen Kirche, die Gefahr lief ihres Einfluſſes auf das Leben der Völker völlig verluſtig zu gehen, gab den hervorragendſten Nationen des Abendlandes, deſſen beſte Geiſter die Notwendigkeit einer Reform an Haupt und Gliedern ſchon längſt erkannt hatten, den Mut, auf die Berufung eines Conciliums zu dringen, das herbeiführen ſollte, was von dem Papſttum nicht zu erhoffen war.— Aber die Päpſte, welche ſchon früher andere, auf die Reformation der Kirche hinarbeitende Be⸗ wegungen, wie z. B. die echt evangeliſche der Waldenſer, glücklich überwunden hatten, verſtanden es auch, der gegen den Stuhl Petri gerichteten Thätigkeit des Koſtnitzer und Baſeler Concils die Spitze abzu⸗ brechen; ja die römiſche Kurie erlebte den Triumph, den kühnſten Vorläufer der deutſchen Reformation von den Vätern des Concils zu Koſtnitz verdammt und gerichtet zu ſehen. Die ſchwer bedrängte Kurie, der nach Beſeitigung des Schismas die Möglichkeit einer erfolgreichen Wirkſamkeit zurückgegeben war, ging aus den ihr von den Concilien bereiteten Kämpfen ſiegreich und neu gekräfigt hervor. Die Völker ſahen ſich in ihren Hoffnungen auf eine Reformation der Kirche bitter getäuſcht und ſchienen dazu ver⸗ urteilt, die ihnen von Rom auferlegten Laſten willenlos zu tragen. Die Beſten jener Zeit ergingen ſich nur noch in unfruchtbaren Klagen gegen Rom, wo die Nachfolger Petri immer mehr verweltlichten und nur noch auf Befriedigung ihres Ehrgeizes bedacht ſchienen.
In derſelben Zeit jedoch, als die Päpſte ihre weltliche Macht befeſtigten, aber um die aus tauſend Wunden blutende Kirche ſich wenig oder gar nicht kümmerten und durch eine würdeloſe Haltung das An⸗ ſehen derſelben noch mehr ſchädigten, als bisher geſchehen war, erſtand auch in Italien ein Gegner des päpſtlichen Abſolutismus und ſeiner ſittlichen Gebrechen. In dem Lande, wo einſt Claudius v. Turin auf die notwendige Rückkehr der Kirche zur apoſtoliſchen Einfachheit hingewieſen, wo Arnold v. Brescia gegen die Verweltlichung von Papſt und Klerus vergeblich gezeugt, wo endlich der Dichter Dante die Schäden der Kirche aufgedeckt und mit hinreißender Zornesglut die Greuel der heilloſen Vermiſchung geiſtlicher und weltlicher Macht im Papſttum gerügt und den Eintritt der Reformation als unabweisbar verkündigt hatte, in dieſem Lande leuchtete am Ende des 15. Jahrhunderts noch einmal ein helles Licht der Wahrheit auf. Es war Girolamo Savonarola, der Dominikanermönch aus Ferrara.


