Als der im Laufe der Zeit morſch gewordene Bau des gewaltigen Römerreiches unter den Schlägen der unaufhaltſam vordringenden Germanen zuſammengebrochen war, zeigten ſich in demſelben Lande, das einſt die Welt durch das Schwert beherrſcht hatte, die erſten Keime einer zweiten, nicht minder bedeutungsvollen Macht. An die Stelle der römiſchen Cäſaren, welche einſt mit dem Chriſtentum einen Kampf auf Leben und Tod geführt, aber den endlichen Sieg dieſer zur religiös⸗ſittlichen Erneuerung und Umgeſtaltung der Welt beſtimmten Lebensmacht nicht hatten aufhalten können, war das Papſttum getreten, das ſeinen Beruf darin erkannte, der noch in dem erſten Stadium der Entwickelung begriffenen Kirche im ehemaligen Römerreiche eine feſte Einheit zu verleihen und den noch unbekehrten Völkern die Segnungen des Evangeliums darzureichen.— Jedermann kennt die Bedeutung dieſer kirchlichen Inſtitution, jedermann weiß, welch kleinen Anfang ſie genommen, wie lange Zeit der Entwicklung es bedurft hat, bis der Stuhl Petri zu dem Anſehen gelangte, vermöge deſſen ihm nicht nur die alleinige Leitung der Kirche des Abendlandes zufiel, ſondern ihm auch gelang, einen großartigen, mit ſeinem eigentlichen Berufe freilich ſchroff contraſti⸗ renden Einfluß auf die weltlichen Reiche zu gewinnen. So zweifelhafter Natur der Grund, auf welchem das Gebäude der Hierarchie ruht, auch iſt, ſo wenig ſtichhaltige Gründe für das Episcopat des Apoſtels Petrus in Rom auch vorgebracht werden können, kein Unbefangener wird ſich der Erkenntnis verſchließen, daß das Papſttum einmal eine großartige Kulturaufgabe hatte, daß es eine geſchichtliche Notwendigkeit war und in Zeiten ſchwerer äußerer Bedrängnis, welche der über die Welt dahinbrauſende Völkerſturm und die durch ihn hervorgerufenen blutigen Kämpfe veranlaßten, für Tauſende als der einzige Halt in dem Elende der Zeit ſich darbot.— Anfangs ſtand die Kirche zu dem Staate in friedlichem Verhältniſſe, ja ſie be⸗ durfte zu ihrer Kräftigung des ſtaatlichen Schutzes, der ihr von kräftigen Herrſchern, welche in der Kirche die mächtige Verbündete gegen Ueberhandnahme ſittlicher Verwilderung erkannten und ehrten, auch jeder⸗ zeit willig gewährt wurde. Nachdem aber die Kirche zu Macht und Anſehen gelangt war, nahm ihr Ver⸗ hältnis zum Staate eine andere Geſtalt an, und derſelbe Stuhl Petri, der ehemals den Schutz des ge⸗ waltigen Frankenkaiſers angerufen hatte, durfte den Triumph erleben, daß die ſchwachen Nachfolger Karls des Großen, der bei aller Ehrfurcht vor der Kirche und ihrem geiſtlichen Oberhaupte ſich wenig geneigt gezeigt, dem Anſehen und der Macht des Kaiſertums etwas zu vergeben, ſich ſchon vielfach den Ausſprüchen des römiſchen Oberprieſters fügten und ſo eine Autorität der Kirche auch in weltlichen Dingen ſtillſchweigend anerkannten. Lange arbeiteten tüchtige, von der Hoheit ihres Berufes tief durchdrungene, aber zugleich auch in weltlichen Angelegenheiten wohl erfahrene Päpſte an dem Bau der Hierarchie, ohne daß ſie auch jetzt noch in einem unverſöhnlichen Gegenſatze zur weltlichen Macht das letzte Ziel ihres kühnen Strebens erkannt hätten. Sie mußten vielmehr immer noch auf die letztere ſich ſtützen oder ſie vermochten, ſo ſehr ſie auch darnach trachteten, den kräftigen deutſchen Kaiſern, welche die Schutzherrlichkeit über die Kirche als ihren hohen Beruf ſtets im Auge behielten, keinen erfolgreichen Widerſtand zu leiſten. Kaiſer wie Otto der Große, der in die Verhältniſſe Italiens tief eingriff, Heinrich II., der bei aller Ergebenheit gegen die Kirche von einem maßgebenden Einfluſſe der Päpſte auf weltliche Macht nichts wiſſen wollte, vor allem aber Heinrich III., der durch ſeinen Machtſpruch auf der Synode zu Sutri eine Umwandlung der damals
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