Aufsatz 
Einige der vorzüglichsten Ursachen des altrömischen Tugendsinnes : Viertes Stück
Entstehung
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Schooſe jener beruͤhmten altroͤmiſchen Geſchlechter Juͤnglinge aufbluͤhen ſieht, die, bei ſo vielen Veranlaſſungen durch die ehrwuͤrdigen Muſter ihrer Ahnherrn befeuert, dieſelbe Bahn betraten und zu Fabiuſſen, zu Scipionen und Aemilianen, kurz, zu Maͤnnern heranwuchſen, die der Segen und der Stolz ih res Vaterlandes waren?

Schade fuͤr Rom, daß bei dem Beginnen des ſo ſchnell um ſich greifenden Sittenverderbs dieſe Tafelgeſaͤnge verſtumm ten!*) Gewiß wuͤrden ſie, ſelbſt unter dem gefaͤhrlichen Ein fluſſe verfuͤhreriſcher Beiſpiele, noch lange außerordentlich fortge⸗ wirkt haben. Spaͤtere Patrioten, von ihrer großen Nutzbarkeit uͤberzeugt, wuͤnſchten ſie eben deßwegen an die roͤmiſchen Ta⸗ feln wieder zuruͤck. Horaz, dieſer liebenswuͤrdige, patriotiſche Dichter, der, um ſeine Mitbuͤrger fuͤr die alte Zucht und Sitte der biederen Vorwelt wieder zu gewinnen, ſo oft ſein Saitenſpiel ruͤhrt, ſcheint ihnen die Wiedereinfuͤhrung dieſer außer Gewohnheit gekommenen Skolien alles Ernſtes anrathen

und verdienſtvollen Vorfahren bekannt machen wollten! Wieroft wür⸗ den ſie in den Herzen ehrliebender Söhne eine Flamme entzünden, die ſie, die Aeltern, ſelbſt wohlthätig erwärmen müßte! Ich habe wenig ſtens bei mehreren meiner Schüler, wenn ich ihnen aus der Reihe ihrer verſtorbenen Verwandten treffliche Männer geſchildert und zu Muſtern empfohlen habe, ſchon oft ſehr erfreuliche Erfahrungen gemacht.

Zu Ciceros Zeiten hatte ſich auch kein einziges dieſer römiſchen Tiſchlie der, die ſonſt wohl von Munde zu Munde gegangen ſind und ſchon da- durch viel genutzt haben mögen, weder im Gedächtniſſe noch in Abſchrif⸗ ten erhalten: ſo gleichgültig war man überhaupt gegen eine ſo herrliche Sitte geworden.