Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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In den Uhland'ſchen Romanzen leuchtet uns die ganze Herrlichkeit der romaniſchen Ideal⸗ poeſie entgegen. Die Helden, die er in dieſen Gedichten feiert, gehören zum Theil einer Welt an, die ſich durch ſcharfe geſellſchaftliche und poetiſche Grenzen von der gewöhnlichen Menſch heit abgeſondert hat. Die Seelenzuſtände dieſer Perſönlichkeiten haben eine Ueberſchwenglich⸗ keit und fremdartige Sonderbarkeit, wie ſie nur in Zeiten und Verhältniſſen ſich ausbilden konnte, die eine ſtrenge Scheidewand zwiſchen den vornehmen Kreiſen und dem eigentlichen Volke aufrichteten. Obgleich nun ſolche Naturen unſerem gegenwärtigen praktiſchen Leben gegenüber auf der Höhe einer idealen Verfeinerung und Durchgeiſtigung ſtehen, die uns manchmal Schwindel erregt, ſo gelang es doch unſerem Dichter, wie wir ſchon oben an ein zelnen Beiſpielen gezeigt haben, die Hülle des Exotiſchen und Phantaſtiſchen an dieſen Geſtal⸗ ten zu durchdringen und ihr Weſen und Schickſal auf ein Maß des allgemein Menſchlichen zurückzuführen. Uhland hat ſich hier allerdings von der romaniſchen Ausdrucks⸗ und Geſangesweiſe durch die Wahl eines dem Spaniſchen nachgebildeten Versmaßes abhängig gemacht; aber die deutſche, ja die ſchwäbiſche Herzlichkeit kann ſich doch ſelbſt in dieſen Formen nicht verleugnen. Auch gelingt es dem Dichter in ſeinen Romanzen weit mehr wie Anderen, die ſich auf dieſem Gebiete verſucht haben, die Sprödigkeit der Erzählung und Darſtellung zu bewältigen und dem Geiſte der Muſik zu unterwerfen.

Unter Uhland's Romanzen möchteRudello den Preis verdienen. Dieſes Gedicht beſingt eine Vorherbeſtimmung der Liebe, die über die ſinnliche Schranke hinausgeht und auch ohne Kenntniß ihres Gegenſtandes das ganze Herz gefangen nimmt und endlich zerſtört. Die Geſchichte entbehrt bei aller Phantaſtik doch nicht der inneren Wahrheit. Es athmet hier ein ſo inniges, wehevolles Gefühl, eine ſolche Süßigkeit und Verklärung der Sehnſucht und des Schmerzes, daß man darüber die fremdartige Form ganz ver⸗ gißt. Wo ein ſolches Sängerherz in jedem Worte glüht, da mag man nicht an einzelne Ungelenkigkeiten der Sprache erinnern. Eine andere Romanze erzählt vonDurand, wie dieſer jugendliche Dichter im Hofe ſeiner Geliebten ſingt, wie er auf die falſche Nachricht von ihrem Tode ſogleich ſtirbt, ſie ſelbſt aber durch ſeine Lieder vom Schein tode erweckt wird, wie er im Lande der Verklärten voll Sehnſucht nach ſeiner Freundin ſich umſieht, die er vorangegangen wähnt, und wie ihm ohne ſie die Seligkeit öde iſt. Ein zarter Hauch der Sehnſucht und eine begeiſterte Liebesfülle durchathmet dieſes Gedicht. Stoff und Idee ſind, bei aller Ueberſpanntheit, poetiſch ſehr dankbar. Aber Gefühl und Gedanke ſind in der Form, die im Einzelnen gemacht iſt und eine drückende Fremdartig keit hat, nicht recht lebendig geworden.Der Waller iſt mehr Legende als Romanze. Auf dem Felſenſtrand Galliziens erhebt ſich ein Gnadenort, wo die heilige Jungfran am Tage ihrer Himmelfahrt Wunder thut. Da ſteigen den Berg viele Pilger hinan, dar⸗ unter von der Kirche Ausgeſchloſſene als Büßer, zuletzt Einer, der im Zorne ſeinen Bruder erſchlagen hat und deshalb einen aus ſeinem Schwerte geſchmiedeten Ring um den Leib, und Ketten an Armen und Beinen trägt. Dieſer Unglückliche wandert raſtlos umher und harrt, bis ein Gnadenwunder ſeine Ketten ſprengt. Als er jetzt vor der heiligen Pforte ſteht, leuchtet die Welt in Abendverklärung. Alle Pilger gehen getröſtet hinweg; der Eine nur bleibt liegen; ſeine Seele iſt befreit und ſchwebt im Meere des Lichtes. So ergreifend die Idee, ſo ſchön die Ausführung im Einzelnen iſt, ſo leidet das Gedicht doch, in Folge des gekünſtelten Versmaßes, an Weitſchweifigkeit; es mangelt ihm di organiſche Entwicklung, der volle lyriſche Geſang und auch die rechte Deutſchheit des Tones.

Noch andere Gedichte des ſchwäbiſchen Sängers eignen ſich durch den vorwaltend erzählenden Gang ihrer Darſtellung und durch die ruhige Klarheit, womit ſie Welt und Menſchen ſchildern, mehr dazu, als poetiſche Erzählungen betrachtet zu werden. Unter ihnen hebt man beſonders die Geſänge von Graf Eberhard dem Rauſchebart hervor, um daraus eine beſondere Gattung, die der ſogenannten Rhapſodie zu bilden. Das Weſen