Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

derſelben führt man im Allgemeinen darauf zurück, daß der Dichter hier die Poeſie der Geſchichte ſelbſt, zunächſt in ihren einfachſten, urſprünglichſten Verhältniſſen durch die Darſtellung hervortreten läßt. Seine Phantaſie verfährt hierbei, mit Ausnahme der eingeflochtenen lyriſchen Blumen, nicht in freier Schöpferthätigkeit, ſondern beſchränkt ſich darauf, die Thatſachen im Sinn und Geiſt der Geſchichte zu einem Bilde zuſammen zu ziehen und zu ergänzen. Das Ganze bewegt ſich in einem klaren, ruhigen Fluſſe der epiſchen Darſtellung und vermeidet alles, was die Vorſtellung zu ſehr in die Empfin dung ziehen könnte, wobei aber auch eine eigentliche Idee nur da und dort hereinleuchtet. Das Verdienſt der Uhland'ſchen Rhapſodieen beſteht nun hauptſächlich darin, daß er die im Leben und in der Geſchichte ſeiner ſchwäbiſchen Heimath liegende Poeſie dichteriſch hervorgehoben und den lebendigeren Sinn dafür geweckt hat; es weht durch dieſe Er⸗ zählungen eine innige Liebe zum Vaterlande und eine Treuherzigkeit, die uns wohl thut; wir fühlen zugleich das Behagen heraus, womit hier der Dichter geſchaffen hat. Aber ſolche Gegenſtände der Partikulargeſchichte verengern immer den poetiſchen Horizont, und ihre Behandlung iſt dadurch gedrückt, daß die Schwingen der Poeſie beſtändig durch die Rück ſicht auf die wirkliche Geſchichte gebunden werden. Die Sprache des Grafen Eberhard, die den moderniſirten Nibelungenton anſchlägt, iſt gewandt, eigenthümlich und ſchwung haft. Zur poetiſchen Erzählung iſt auchver sacrum zu rechnen, deſſen Inhalt ſchon oben erwähnt wurde. Aber hier haben wir keine dichteriſche Reproduction der Geſchichte, ſondern auf der Grundlage der hiſtoriſchen Ueberlieferung eine ganz freie Schöpfung vor uns, die von einer hohen Idee durchdrungen und von Begeiſterung durchglüht iſt. Die Sprache dieſes Meiſterwerkes iſt männlich, ſchwungvoll, treffend und blühend, aus Einem Guſſe; das Versmaß ſehr glücklich gewählt; der Styl hat eine prieſterliche Erhabenheit.

Im lyriſch-erzählenden Elemente bewegt ſich auch das allegoriſche Gedicht:Die verlorene Kirche. Hier findet der Dichter, der ſich aus der Verderbniß dieſer Zeit zu Gott hinſehnt, in abgelegener, ſtiller Wildniß einen wunderbaren Dom, deſſen dumpfes Geläute oft, ohne daß man weiß, woher es hallt, von oben her aus der Ferne vernom men wird; er tritt hinein, die Kuppel wird geſprengt, das Thor des Himmels thut ſich auf, und jede Hülle wird hinweggezogen. Ein ſüßer, friedlicher Ton und ein milder, romantiſcher Farbenglanz ſchwebt über dieſem Gedichte. Die Anſchauung iſt etwas ver⸗ ſchwommen, die Sprache ſchwungvoll, aber zum Theil nicht organiſch genug, das Vers maß für den Gegenſtand und die Stimmung glücklich gewählt.

In dem BruchſtückeFortunat und ſeine Söhne beweiſt Uhland ein unzweifel⸗ haftes Talent für größere epiſche Dichtungen. Durch dieſe Geſänge zieht ſich eine mun tere, joviale Stimmung; ja es fehlt ihnen nicht an humoriſtiſchen Zügen. Die Unter haltung wird hier zur Poeſie erhoben; die Darſtellung iſt im Ganzen meiſterhaft, die Form von großer Leichtigkeit; die Sprache, die hier freilich keinen tieſeren Inhalt zu be wältigen hat, entwickelt ſich, indem ſie ihre Schätze nach allen Seiten herumwirft, in humoriſtiſcher Einheit organiſch. Die Behandlung der komiſchen, parodirenden Ottave iſt vortrefflich, wobei ſich der Reim mitunter auf eine drollige Art dem Inhalte biegen muß. Der Ton des Gedichtes erinnert öfter an Arioſto.

-