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deutet werden ſoll, in lebendiger Geſtaltung vor uns hintritt, nämlich die Geſchichte der deutſchen Poeſie, ihre Herrlichkeit im Zeitalter der Hohenſtaufen, ihr Untergang durch pedantiſche Gelehrſamkeit und ihre Wiedererweckung durch Goethe, ſo iſt die Allegorie nicht kalt, abſtrakt und äußerlich, ſondern was an ſich nur einkleidendes Bild ſein ſoll, wird zu einer Fülle der warmen, unmittelbaren Anſchauung. Das ganze Gemälde hat eine holde Traumesdämmerung und ein friſches Waldgrün der Phantaſie; der romantiſche Geiſt iſt in die Grenzen eines kernhaften Realismus eingeſchloſſen. Die Sprache iſt ſehr gewandt, lebendig, blühend und ſchwungvoll, die Darſtellung von Innen herausge⸗ wachſen, das ſchwierige Versmaß glücklich überwunden.
Die Gedichte Uhland's, die wir ſchon größtentheils ihrer Form nach als Romanzen bezeichnen werden, machen den Eindruck einer geringeren Urſprünglichkeit als ſeine Balla⸗ den, und namentlich tragen die ernſteren unter ihnen das ſpaniſche Versmaß als ein fremdartiges und läſtiges Gewand, durch das ſie nicht ſelten an der freien Bewegung gehindert werden. Dennoch enthalten ſie einen poetiſchen Kern und reißen uns, wenn wir ſie im Ganzen auf uns wirken laſſen, zur Begeiſterung hin. Sie ſtellen ſich, wie ſchon bemerkt, in einen mehr oder weniger ſcharfen Gegenſatz zu den Balladen und balladenartigen Gedichten, und es wird deßwegen angemeſſen ſein, hier auch auf den Be— griff dieſer Gattung einzugehen. Die erſte Geſtalt, in welcher die epiſche Poeſie bei den Spaniern auftrat, war einfach und von keiner phantaſtiſchen Begeiſterung hervorgerufen, und die Romanze, welche ihren Namen von dem der romaniſchen Sprache oder von dem Romanzo entlehnte, war nichts als die ſchlichte Darſtellung irgend eines bedeutenden Ereigniſſes, begründete aber dennoch die ganze ſpaniſche Volkspoeſie, ſowohl ihrem Inhalte als ihrer Form nach. Indem nun dieſe Volkspoeſie neben der Kunſtpoeſie ihren Entwicklungsgang weiter fortſetzte, wurde die Behandlung der Romanze immer kunſtvoller, und dann blühte ſie mehr und mehr ab, um nach und nach völlig aus zuſterben. Sie erwachte durch fremde Einflüſſe, durch das Vorbild der mauriſchen Romanzen, durch die Bekanntſchaft mit den franzöſiſchen Sagenkreiſen und durch das Muſter der provencaliſchen Dichtkunſt zu einem neuen Leben und zu einer veränderten Geſtalt; ſie wurde vornehmer und ariſtokratiſcher. Die ſpäteren Romanzen der Spanier, worunter ſich ganz vortreffliche Dichtungen befinden, eröffneten ſich einen weitreichenden Horizont von Gegenſtänden und gingen nun öfter, hierin der vollkommeneren Ballade ſich nähernd, in den Charakter des Liedes über. Denkt man nun an die vornehmeren und ausgebildeteren ſpaniſchen Romanzen der ſpäteren Zeit, und hält man damit den Charakter der Uhland'ſchen Romanzen zuſammen, ſo dürfte ſich der Geiſt dieſer Dichtart von dem der Ballade etwa folgendermaßen unterſcheiden laſſen. Die Romanze wächſt auf dem Boden des Mittelalters; die Ballade gehört dem Uebergange aus dieſem in die neue Zeit an. Dort ſteht die Poeſie noch mitten in der phantaſtiſchen, idealgehobenen und ſtandesmäßig abgeſonderten Welt des Ritterthums; hier dient der Zauberglanz des Romantiſchen zur Verherrlichung des allgemein Menſchlichen, das nun mit dem Vor— dringen des Bürgerthums und des wiſſenſchaftlichen Denkens zur Herrſchaft gelangt. Die Romanze hat alſo einen ariſtokratiſchen, die Ballade einen volksthümlichen Grund⸗ zug; jene verherrlicht den Ritter, den Sänger, den König, dieſe ſchildert in der ganzen Tiefe ſeines Schickſals den Menſchen als ſolchen. Die Romanze iſt, wie ſchon der Name ſagt, auf dem romaniſchen, die Ballade iſt auf dem germaniſchen Boden gewachſen; deßhalb herrſcht in jener der Glanz der Phantaſie und der Schimmer der äußeren Lebens— herrlichkeit, während in dieſer ſich vorzugsweiſe die Innerlichkeit des Gemüthes aufſchließt. Wenn die Ballade durch ihre ganze Stimmung vollkommen in dem Charakter des Liedes aufgeht, ſo ſtrebt die Romanze mehr nach einer epiſchen Fülle der Beſchreibung und Erzählung hin; ſie bewahrt in Allem mehr den Charakter einer nach Außen gerichteten Objectivität, während in der Ballade auch die Erzählung eine Geburt des Herzens iſt.


